John Thain
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John Thain soll als neuer Vorstandschef die Investmentbank Merrill Lynch aus der Finanzkrise führen. Er trifft auf eine gespaltene Belegschaft. Sie erwartet von ihm, dass er bei der Bewältigung des Subprime-Debakels mehr Geschick zeigt als sein Vorgänger O’Neal.

NEW YORK. Der frühere Merrill-Lynch-Chef Stanley O’Neal war besessen von der Idee, aus dem Brokerhaus eine Investmentbank nach dem Vorbild von Goldman Sachs zu machen. O’Neal ist gescheitert und wurde gefeuert. Seine Vision jedoch hat überlebt.

Denn mit der Berufung von John Thain zum neuen Chef von Merrill hat sich die Bank nicht nur für einen früheren Goldman-Manager entschieden. Sie setzt zugleich auch darauf, dass der 52-jährige Thain die von O’Neal begonnene Expansion in lukrative Geschäftsfelder fortsetzt – die damit verbundenen Risiken allerdings deutlich besser im Griff hat als sein über die Subprime-Verluste gestolperter Vorgänger.

Mit der Berufung von Thain an die Konzernspitze versucht die Bank, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zunächst muss der Top-Banker das Brokerhaus aus der akuten Finanzkrise führen. Merrill hatte vor zwei Wochen Abschreibungen von 8,4 Mrd. Dollar gemeldet, die ganz überwiegend auf das Konto von Kreditderivaten aus dem Hypothekengeschäft gehen. Michael Mayo, Analyst bei der Deutschen Bank, hält weitere Wertberichtigungen bis zu zehn Mrd. Dollar für möglich. Merrill hat noch riskante Schuldtitel von gut 20 Mrd. Dollar in den Büchern.

Thain muss also erst einmal Ruhe in die Bank bringen und das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen. Mit drastischen Kursverlusten haben die Anleger der Bank ein klares Misstrauensvotum ausgesprochen. Der neue Merrill-Chef gilt als Experte für Risiko-Management. Thain startete seine Karriere bei Goldman als Händler von Hypothekenanleihen. Darüber hinaus war er als Chief Operating Officer beim Branchenprimus direkt für das Risiko-Management verantwortlich.

"Ich habe mir die Bilanz von Merrill genau angesehen“, sagte Thain, der seinen neuen Job am 1. Dezember antreten wird. "Die Risiken sind sehr konservativ bewertet.“ Zugleich betonte er jedoch, dass die Krise auf dem Hypothekenmarkt noch nicht vorüber sei und die Preise für Kreditderivate wohl weiter zurückgehen würden. Beobachter sehen in der Zusage von Thain dennoch ein Signal, dass zumindest Merrill das Schlimmste überstanden haben dürfte.

"Die meisten Geschäfte bei Merrill laufen gut, wirkliche Probleme gibt es nur in einem Bereich“, sagte der neue Konzernchef. Merrill hat in der Vermögensverwaltung und im Investment-Banking zuletzt gute Ergebnisse vorgelegt. Allein die hohen Verluste im Anleihegeschäft brachten der Bank Ende des dritten Quartals ein Minus von 2,3 Mrd. Dollar. Die Wall Street bewertete die Berufung von Thain überwiegend positiv. "Er ist der richtige Mann für den Job“, sagte Jeffrey Harte, Analyst beim Investmenthaus Sandler O’Neill in Chicago. Insbesondere sein Verständnis für die Kapitalmärkte wird dem Top-Banker zugute gehalten. Thain hat an der Elite-Universität Massachusetts Technology Institute Ingenieurwissenschaften studiert und scheut sich nicht, seine Mitarbeiter mit Detailfragen zu nerven.

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