John Varley soll Barclays aus der Gerüchteküche raushalten
Langweiler auf dem Chefsessel

John Varley ist groß gewachsen, hat graue Haare und trägt eine unmodische runde Hornbrille. Vor großem Publikum liest er seine Reden ab, nur selten verirrt sich ein Lächeln in fachliche Vorträge. Auch im privaten Gespräch bleibt er zurückhaltend. Und trotzdem ist er ein Idealkandidat für den Chefsessel von Barclays, der drittgrößten Bank in Großbritannien.

LONDON. Es gibt wohl nur wenige Branchen, in denen Langweiler derzeit so gern auf Chefsesseln gesehen werden wie in der Kreditwirtschaft: Konservative und risikoscheue Manager an der Spitze einer Bank gelten als gutes Zeichen nach all den mehr oder weniger gescheiterten Visionären der vergangenen Jahre.

Varley passt mit seiner Buchhalter-Aura bestens zu diesem Wunschbild. Gleich nach seiner Ernennung bekam er in London das Prädikat „ruhige Hand“ verpasst, das sonst nur Notenbanker schmückt. Und selbst bei den Hobbys, die Manager gerne nutzen, um sich als vielseitige Globetrotter zu präsentieren, lässt Varley jede Lust auf Abenteuer vermissen: Er angelt gerne.

Seinem Ehrgeiz tut das keinen Abbruch. Im September wird der 48-Jährige an der Spitze der Bank inthronisiert, vier Monate vor dem geplanten Revirement. Hinter den Kulissen drängte Varley in den vergangenen Monaten als Deputy-CEO derart stark nach vorne, dass dem amtierenden Chef Matthew Barrett wenig mehr blieb als die Funktion des Aufsichtsrats. Mit der vorzeitigen Veränderung erkennt Barclays nun auch die Realitäten formal an.

Für die Bank selbst ist ein Ende der Hängepartie wichtig. Derzeit schwirren viele Fusionsszenarien herum – und auffallend oft fällt der Name Barclays. Mal geht es um das – dementierte – Interesse am Aktienbroker Cazenove, dann um die Hypothekenbank Abbey National, gerne kommt auch die Deutsche Bank ins Spiel.

Selbst wenn bald Klarheit darüber herrscht, wer den Kurs bei den Briten bestimmt, erscheint eine schnelle Großfusion mit Varley als treibender Kraft unwahrscheinlich. „Er ist noch konservativer als Barrett“, heißt es bei der Schweizer Investmentbank CSFB. Erst mal muss Barclays ohnehin die selbst gesteckten ehrgeizigen Gewinnziele erreichen. Und angesichts der schlechten Erfahrungen früherer Übernahmen – teuer gekauft, billig abgestoßen – bleibt die Neigung zur Fusion unterentwickelt. Skepsis gibt es auch angesichts von Gerüchten, die Barclays als Übernahmeziel sehen. Die Bank gehört zu den fünfzehn größten der Welt. Ein Beobachter fragt: „Erstens: Wer kann schon 35 Milliarden Pfund für eine Bank bezahlen? Zweitens: Wer tut dies für ein auf Großbritannien spezialisiertes Privatkundeninstitut?“

Varleys Programm für seine Amtszeit wirkt – wenig überraschend – unspektakulär. Sicher, er deutete kürzlich Handlungsbedarf im Ausland an. Die Bank befindet sich momentan meilenweit vom selbst gesteckten Ziel entfernt, die Hälfte der Gewinne außerhalb des Königreichs zu erwirtschaften. Dort sei man schlicht „nicht gut genug“, räumte Varley kürzlich ein. Ansonsten verweist er gerne darauf, dass sich sein Haus auf einem guten Weg befinde. „Seismische Veränderungen“ werde es mit ihm daher nicht geben – auch weil er angesichts von Rekordgewinnen von zuletzt 3,8 Milliarden Pfund dafür keinen Grund sieht. Allerdings sagen Beobachter auch, dass die Bank aufpassen muss, nicht wie eine zweite Lloyds TSB zu enden: Der Rivale dümpelt seit Jahren ohne große Wachstumsperspektiven herum.

Dass es so weit nicht kommt, dafür wird Varley viel einsetzen. Seit 21 Jahren ist der Vater zweier Kinder nun schon bei Barclays. Ihn verbinden sogar verwandtschaftliche Beziehungen: Er ist verheiratet mit einer Nachfahrin der Pease-Familie, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts ihre Bank J&JW Pease an Barclays verkaufte. Dass ihm das im Laufe seiner beruflichen Laufbahn geholfen hat, bestreitet er jedoch.

Nur am Anfang seiner Karriere, habe ihn sein Schwiegervater zu einem Interview bei der Barclays Merchant Bank aufgefordert: Er wurde vom Fleck weg engagiert. Über Jahre blieb der in Oxford ausgebildete Historiker und spätere Rechtsanwalt in der Organisation blass. Erst nach einem kurzen Wechsel zum Mini-Fonds Odey Asset Management – den der von Barclays verfasste Lebenslauf verschweigt – und der Rückkehr nimmt seine Karriere an Fahrt auf. 1998 bekommt er aus heiterem Himmel den Auftrag, das Privatkundengeschäft zu leiten. Zwei Jahre später wird er Finanzdirektor – ohne relevante Buchführungserfahrung. Dort macht er seine Sache nach Ansicht von Brokern in der Londoner City sehr gut.

Wer mit ihm zu tun hat, beschreibt Varley als sensiblen Manager, der auf die Interessen seiner Gesprächspartner achtet. Öffentlich muss er dies jedoch noch beweisen.

Als Barclays vor fünf Jahren 171 Bankfilialen schloss und Gebühren für die Benutzung von Geldautomaten kassieren wollte, musste sich der damalige Privatkundenchef Varley in einem BBC-Interview verteidigen. Es präsentierte sich wie ein arroganter Banker, der den Kontakt zur Realität verloren hat – ein Desaster. Heute heißt es dazu nur, Varley habe sich wenigstens den Fragen gestellt. In Zukunft wird das nicht mehr reichen: Von einem Chef John Varley erwartet die Öffentlichkeit mehr.

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