Josef Ackermann zeigt sich zufrieden – Die Richterin rechnet in eigener Sache ab
„Freispruch ist Freispruch“

Dieses Mal hat sie sich jeden Scherz verkniffen. "Soll ich schon mal einen Krankenwagen organisieren?" hatte die Richterin noch Ende März gewitzelt. Es war der Tag des Rechtsgesprächs, der Moment, in dem Brigitte Koppenhöfer den drei Staatsanwälten erstmals klar machte, dass die sechs Angeklagten im Mannesmann-Verfahren mit Freisprüchen rechnen könnten.

Gestern, nach 37 Verhandlungstagen, war der Tag der endgültigen Abrechnung gekommen, da macht sie es offiziell, ganz ohne Umschweife: "Die Angeklagten werden freigesprochen."

Die sechs, darunter Deutsche- Bank-Chef Josef Ackermann, der frühere Mannesmann-Vorstand Klaus Esser und Ex-IG-Metall-Lenker Klaus Zwickel, nehmen das Urteil ohne äußere Regung zur Kenntnis. Kein Siegeszeichen, kein Schulterklopfen, ja nicht mal ein Lächeln.

Auch die Richterin hat diesmal keinen Witz auf den Lippen. Im Gegenteil. Ehe Brigitte Koppenhöfer mit der Urteilsbegründung beginnt, verliest sie eine persönliche Erklärung. Es sind Sätze voller Schärfe und Kritik, sie lassen keinerlei Spielraum für Interpretationen, so eindeutig sind sie in ihrer Formulierung. "Noch nie während meiner nunmehr 25-jährigen Dienstzeit ist wie in diesem Verfahren derart massiv versucht worden, auf die Entscheidungen Einfluss zu nehmen", beginnt sie ihre Ausführungen. "Mit Schmähbriefen habe ich gerechnet, nicht jedoch mit Telefonterror bis hin zu regelrechten Drohungen", sagt sie und fügt hinzu: "Dass sich in dem Verfahren sämtliche Stammtische Deutschlands zu Wort melden würden, war mir von Anfang an klar." Nicht aber, wer sich alles an diese Stammtische setzen würde. Damit meint sie insbesondere all jene Rechtsexperten, "die sich aus allen Teilen Deutschlands zu Wort gemeldeten haben, ohne jede Aktenkenntnis".

Nach der Schelte für die Juristen-Kollegen ist die Politik dran. "Politiker aller Parteien haben laufend neue Straftaten erfunden: ,Schweinerei, Sauerei, Perversion und die Gefährdung des Wirtschaftsstandorts Deutschland". Auch sei die Presse instrumentalisiert worden, von den Verteidigern, aber auch von den Staatsanwälten. Schließlich stellt sie klar: "Wir sind doch nicht das Scherbengericht für den Wirtschaftsstandort."

In der letzten Reihe der Besucherplätze sitzt an diesem schönen Sommermorgen auch die Frau, die das Verfahren überhaupt erst ausgelöst hat. Helga Anna Schoeller war Vorstandssekretärin bei Mannesmann. Die inzwischen pensionierte Frau mit der Pagenfrisur, die ein blaues Polohemd zu einer blau-weiß karierten Hose trägt,hatte im Februar 2000 als Erste auf die Unrichtigkeit der Protokolle zur Auszahlung der Prämien hingewiesen. Später wurde sie lange von der Staatsanwaltschaft verhört, auch als Zeugin war sie beim Prozess geladen. Sie sagt: "Ich habe damals vor Wut gekocht."

Damals, damit meint sie jenen Moment, als sie erkannte, dass sich Aufsichtsratschef Joachim Funk seine Prämie quasi selbst genehmigt hatte. Als die Richterin gestern darauf zu sprechen kommt, entfährt es Schoeller: "Einfach ekelhaft".

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