Jürgen Dormann
Mach’s noch einmal, Jürgen

Mit Bürokratieabbau und einer klaren Konzentration auf die Profitrate hat Jürgen Dormann schon das Traditionsunternehmen Hoechst saniert. Nun wagt sich der erfahrene Manager an eine neue Aufgabe: Als Verwaltungsratspräsident soll er den angeschlagenen Schweizer Industriekonzern Sulzer auf Vordermann bringen.

ZÜRICH. Sein Spitzname sagt viel, aber nicht alles über Jürgen Dormann. „Mister Shareholder-Value“ wurde der frühere Hoechst-Chef genannt, als er 1994 die Führung des Frankfurter Chemiekonzerns übernahm. Weniger Bürokratie und mehr Profit war sein Rezept, mit dem er das Traditionsunternehmen wieder auf Kurs brachte. Mit der gleichen Marschroute rettete Dormann acht Jahre später den taumelnden Industriekonzern ABB vor dem drohenden Konkurs. Heute ist er 69 Jahre alt und könnte sich am Zürichsee auf den Lorbeeren seiner Erfolge ausruhen.

Dormann wollte es jedoch noch einmal wissen und ließ sich gestern mit Hilfe des russischen Oligarchen und Großaktionärs Viktor Vekselberg in den Verwaltungsrat des Schweizer Industriekonzerns Sulzer wählen. Seine Wahl zum Vorsitzenden des Aufsichtsgremiums gilt als sicher. Dormann soll für den Russen die Kohlen aus dem Feuer holen.

Sulzer leidet unter der weltweiten Rezession und hat vor kurzem den Abbau von 1 400 Arbeitsplätzen angekündigt. Das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von zuletzt 3,7 Mrd. Franken wird zudem durch den seit Monaten tobenden Machtkampf einiger Kleinaktionäre und Manager mit Vekselberg geplagt. So ließ der Russe den früheren Verwaltungsratschef Ulf Berg im April kurzerhand abwählen, weil „die Vertrauensbasis gefehlt“ habe. Der Streit in der Führungsetage wird zusätzlich angeheizt durch eine Untersuchung des Schweizer Finanzdepartements. Die Ermittler prüfen, ob Vekselberg sich die Mehrheit bei Sulzer zusammen mit seinen damaligen Co-Investoren Ronny Pecik und Georg Stumpf unter Umgehung börsenrechtlicher Meldepflichten erschlichen hat.

Dormann betonte gestern, dass er als „unabhängiger Kandidat, eine Wertsteigerung für alle Aktionäre erreichen“ wolle. Auch Vekselbergs Investmentgesellschaft Renova erklärte, dass es keine finanziellen Bindungen zu Dormann gebe. Ein Sprecher räumte aber ein, dass sich der Manager zweimal mit Vekselberg getroffen habe.

Trotz dieser Nähe zum Oligarchen wird Dormann sich kaum als Marionette missbrauchen lassen. Das machte er bei seiner Vorstellung deutlich: „Für eine Fusion von Sulzer mit OC Oerlikon stehe ich nicht zur Verfügung“, sagte Dormann und distanzierte sich damit von angeblichen Gedankenspielen Vekselbergs. OC Oerlikon gehört ebenfalls zum Firmenimperium des Russen und steht mit dem Rücken zur Wand.

Gegen eine Fernsteuerung Dormanns spricht aber auch dessen bisherige Karriere. Als der gebürtige Heidelberger nach getaner Arbeit bei ABB 2004 seinen Rückzug von der Konzernspitze ankündigte, verglich ihn Verwaltungsratsmitglied Michel de Rosen mit dem römischen Feldherrn Cincinnatus. Der ehemalige Bauer übernahm im fünften Jahrhundert vor Christus auf Drängen des Senats die Alleinherrschaft in Rom und rettete das Imperium vor der Zerschlagung durch die Aequer. Als der Krieg gewonnen war, zog sich der bescheidene Cincinnatus wieder zurück auf seinen Hof.

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