Jürgen Schrempp
Ein leiser Rücktritt mit Folgen

Der ehemalige Daimler-Chef Jürgen Schrempp liefert heute noch einmal Diskussionsstoff. Das Oberlandesgericht Stuttgart sagt, ob der Konzern seinerzeit den Rücktritt des Vorstandschefs rechtzeitig genug mitgeteilt hat.

STUTTGART/FRANKFURT. Es war ein ungewohnt leiser Abschied. In einer schlichten Telefonkonferenz kündigte Jürgen Schrempp am 28. Juli 2005 seinen Rücktritt als Daimler-Chef an. Nur eine einzige persönliche Anmerkung gönnte sich der ehemalige Architekt einer Welt AG: "Ich bin ein sehr glücklicher Mensch", bemerkte der Vorstandsvorsitzende mit seiner sonoren Bass-Stimme. Ende 2005 schied er aus. Heute, fast vier Jahre später, wird sich erweisen, ob die Art und Weise dieses Abgangs auch für den Stuttgarter Autokonzern eine glückliche Angelegenheit war.

Das Stuttgarter Oberlandesgericht wird heute im neu aufgerollten Prozess um die angeblich verspätete Mitteilung zum Rücktritt Schrempps sein Urteil verkünden. Anleger werfen dem Konzern vor, er habe die Mitteilung zu spät herausgegeben, weil der Führungswechsel intern schon Tage vorher festgestanden habe. Den ersten Prozess hatte Daimler gewonnen, doch der Bundesgerichtshof hatte das Urteil wegen Fehlern in der Beweisaufnahme neu aufrollen lassen.

Im September hatte der heute 64-jährige Schrempp als Zeuge in Stuttgart ausgesagt und sich hinter seinen Ex-Arbeitgeber gestellt. Kam die Ad-hoc zu spät? Für Schrempp keine Frage. Für ihn sei erst mit der Entscheidung des Aufsichtsrates definitiv klar gewesen, dass er vorzeitig von seinem Posten zurücktreten werde, sagte der ehemalige Vorstandschef und half so Daimler.

Es ist still geworden um den früheren Topmanager, dessen einstige Welt AG inzwischen auf dem Schrotthaufen der Unternehmensgeschichte gelandet ist. Selten lässt sich der Hüne mit der Raucherstimme, dessen Wort auch bei Kanzlern Gewicht hatte, auf größeren Veranstaltungen sehen. In den Runden alter Daimler-Recken ist er nicht mehr zu finden. Auch die Treffen der Similauner, des Klubs bergsteigender Wirtschaftsgrößen, soll er meiden, seit er am Steilhang mal schwächelte.

Schrempp selbst wollte dem Handelsblatt keine Auskunft darüber geben, wie sein Leben heute aussieht. Doch Vertraute berichten, er fühle sich missverstanden.

Seine Rolle im Konzern erinnert heute fatal an die des von Schrempp früher scharf befehdeten Vorgängers im Amt, Edzard Reuter: Beide sind Geschichte, und zwar keine, an die man sich allzu gerne erinnert. Auch Schrempps Frau Lydia, seine ehemalige Büroleiterin, wurde Anfang 2008 sanft aus dem Unternehmen komplimentiert. Was bleibt, sind immerhin die Aktienoptionen, die Schrempp zu einem Gewinn von bis zu 50 Millionen Euro verholfen haben sollen, und ein Büro in der Daimler-Niederlassung München. Aber reicht das für einen Mann, der einmal den größten Industriekonzern Deutschlands lenkte?

Ungeteilte Anerkennung findet der Badener nur in Südafrika, wo er eine Farm besitzt. Dort hat er auch wichtige Aufsichtsratsmandate inne, etwa beim Lufthansa-Partner South African Airways. Doch in Deutschland bleibt ihm solche Anerkennung verwehrt. "Ich denke darüber nach, vielleicht ein kleineres Unternehmen zu kaufen oder Teilhaber zu werden", hatte er vor drei Jahren gesagt.

Aber Taten folgten bisher nicht. Stattdessen hat jetzt seine Frau Lydia ein Restaurant in Kitzbühel gekauft, wo die Familie eine Villa besitzt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%