Jürgen Sengera
Ex-West-LB Chef muss wieder vor Gericht

Das ist die Horror-Nachricht für Jürgen Sengera: Der Bundesgerichtshof (BGH) hat entschieden, dass der Freispruch des ehemaligen WestLB-Chefs keinen Bestand hat. Nun muss sich Sengera wegen des Vorwurfs der Untreue bei einer riskanten Kreditvergabe wieder vor Gericht verantworten.

FRANKFURT. Ein Handballtorwart muss einstecken können. Die Bälle treffen ihn härter als beim Fußball. Sie treffen häufiger - den Torwart und auch das Tor. Zu Null ist halt nicht. Manchmal gilt das auch für das reale Leben, das musste am Donnerstag der Ex-Chef der WestLB und Ex-Torwart der Handballnationalmannschaft, Jürgen Sengera, erleben. Denn der Bundesgerichtshof (BGH) entschied: Sengera muss sich wegen eines riskanten Großkredits an den Geräteverleiher Boxclever erneut vor dem Düsseldorfer Landgericht verantworten.

In dem Prozess geht es um einen verhängnisvollen Kredit an die britische Fernsehverleihfirma Boxclever. Es geht darum, ob Sengera die Risiken des Milliardenkredits ausreichend geprüft hat. Die Londoner Investmentbanker der WestLB hatten Boxclever 1,35 Mrd. Euro geliehen. Bei der Insolvenz der Leasingfirma verlor die WestLB 430 Mio. Euro. Weil weitere Fehlschläge hinzukamen, verlor die WestLB 2002 insgesamt sogar 1,7 Mrd. Euro. Und Sengera verlor bald darauf seinen Job. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Untreue.

Doch das Düsseldorfer Landgericht sprach den mittlerweile 66-Jährigen frei. Richterin Brigitte Koppenhöfer hatte dem Bankmanager zwar vorgeworfen, gegen seine Pflichten eines "ordentlichen Bankleiters" verstoßen zu haben. Ein Vorsatz sei ihm aber nicht nachzuweisen. Also: Freispruch. Für die Richter am BGH hatte dieses Urteil aber "Schwächen und Lücken". Das Urteil enthalte mehrere rechtliche Fehler, befanden die Karlsruher Richter und ordneten eine Neuauflage des Prozesses an.

Nun muss eine andere Kammer des Düsseldorfer Landgerichts prüfen, ob sich Sengera bei der Kreditvergabe der Untreue schuldig gemacht hat. Der BGH stellte klar, dass es für einen Vorsatz bereits ausreichen würde, wenn Sengera mit einer unzureichenden Risikoprüfung gerechnet habe.

Die Neuauflage des Prozesses untermauert den tiefen Sturz des Bankmanagers, der Mitarbeitern der WestLB höchst unterschiedlich in Erinnerung ist. Verglichen mit seinem Vorgänger Friedel Neuber und seinem Nachfolger Thomas Fischer sei der parteilose Sengera ein eher farbloser Typ gewesen. Neuber und Fischer galten beide als ebenso charismatisch wie umstritten. Sengera heftet dagegen der Ruf eines Controller-Typs an. Eine besondere Nähe zu seinen Eigentümern, das sind vor allem die nordrhein-westfälischen Sparkassen, zeichnete ihn Kritikern zufolge allerdings auch nicht aus.

Diejenigen, die näher mit ihm zusammenarbeiteten, beschreiben ihn dennoch als "zugänglich" und "kollegial". "Ihn hat kein Dünkel davon abgehalten, über Hierarchiegrenzen hinweg den Kontakt zu Mitarbeitern zu suchen", sagt einer. Das gilt für viele Investmentbanker als typisch und gerade für dieses Geschäftsfeld hatte Sengera eine hohe Affinität. Kritiker meinen: Eine zu hohe Affinität. In den ersten Jahren trug die Londoner Sparte zwar zu den guten Geschäftsergebnissen bei, doch im Krisenjahr 2002 besiegelte sie Sengeras Sturz.

Kurzvita:

1943: Jürgen Sengera wird am 13. Februar in Schwerte geboren. Nach einer Lehre als Industriekaufmann arbeitet er beimDuisburger Maschinenbaukonzern Demag, dann BWL-Studium

1971: Studienabschluss und Karrierestart bei der WestLB.

1977: Wechsel zur Nord LB als Bankdirektor für Unternehmensplanung

1982: Rückkehr zur WestLB als Generalbevollmächtigter

1984: Vorstand

2001: Vorstandschef

2003: Rücktritt nach Vorwürfen der Bankenaufsicht Bafin wegen Ungereimtheiten bei der Kreditvergabe.

2007: Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf erhebt Anklage wegen Millionenkrediten an Boxclever

2008: Das Landgericht Düsseldorf spricht ihn frei. Die Staatsanwaltschaft geht in Revision.

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