Kameralistik Ade
Doppik für den Durchblick

In Gelsenkirchen ist Kameralistik Vergangenheit. Die Ruhrgebietsstadt bilanziert wie ein Industriekonzern und ist damit Vorreiter. Alle 16 Bundesländer werden bis 2012 Reformgesetze zur Abkehr von der Kameralistik vorlegen. Bei der Umstellung auf die kaufmännische Buchführung sollen Wirtschaftsprüfer den Städten und Ländern helfen.

DÜSSELDORF. Lars Martin Kliewe geht wenig zimperlich mit einer großen Tradition um. „Kameralistik ist eher eine Geheimwissenschaft.“ Politisch korrekt wäre diese Bemerkung noch vor wenigen Jahren für einen Stadtkämmerer sicher nicht gewesen. Doch in Gelsenkirchen ist Kameralistik Vergangenheit. Die Ruhrgebietsstadt bilanziert wie ein Industriekonzern, die schwierige Umstellung auf kaufmännische doppelte Buchführung (Doppik) hat Kliewe hinter sich.

Vor sich sieht der Stadtkämmerer stattdessen klar das Problem: Bei einem erwarteten Jahresdefizit von durchschnittlich 100 Millionen Euro wäre die 268 000-Einwohner-Stadt in acht Jahren formal pleite. Das Eigenkapital wäre aufgezehrt. Es sei denn, die Kommunalpolitiker reißen das Runder noch einmal herum.

Das vermeintliche Katastrophenszenario ist Zweck der Übung. „Mit der Kameralistik wussten die Städte bisher nicht einmal, ob sie arm oder reich sind“, erklärt Norbert Vogelpoth, Vorstand der Prüfungsgesellschaft PwC. Das ändert sich mit der Umstellung auf doppelte Buchführung grundlegend. Einem kommunalen Finanzchef wie Kliewe gibt die Doppik zudem ein politisches Steuerungsinstrument an die Hand. „Jetzt reden wir über Ziele, statt nur Geld zu verteilen“, betont der Kämmerer.

Das Defizit der Kameralistik ist die einseitige Betrachtung nur von Zahlungsströmen. Vermögenswerte, deren Veränderung oder Verpflichtungen, die erst in späteren Jahren zu Zahlungen führen – wie etwa Pensionen für Mitarbeiter oder Reparaturbedarf an öffentlichen Einrichtungen –, werden mit dem klassischen Buchungssystem nicht erfasst.

Die Doppik schafft dagegen ein vollständiges Bild: Die NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf ist beispielsweise in weit besserer Lage als Gelsenkirchen. Düsseldorfs Kämmerer weiß seit Aufstellung seiner Eröffnungsbilanz im Herbst 2006, dass er ein Vermögen von 11,5 Milliarden Euro verwaltet. Darin enthalten sind Wirtschaftsbetriebe, Schulen, aber auch Infrastruktur. Mit 136,6 Millionen Euro sind etwa Infrastrukturbauten als Vermögenswert aufgelistet. Klar sieht der Kämmerer auch die Pensionsrisiken: Für Ex-Stadtmitarbeiter sind 685 Millionen Euro Rückstellung auf das Konto Altersvorsorge gebucht.

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