Kampf der Cousins
Die Kapitulation des Wolfgang Porsche

Trotz größtmöglicher Eigenständigkeit unter dem VW-Dach: Das Ausscheiden von Wendelin Wiedeking bei Porsche gleicht einer Kapitulation des Aufsichtsrat-Chefs Wolfgang Porsche vor seinem übermächtigen Cousin Ferdinand Piëch. Der VW-Patriarch nutzte im Kampf um die Sportwagenschmiede die Schwächen seines Vetters gnadenlos aus. Über zwei Antipoden, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

STUTTGART. Wolfgang Porsche wirkt angeschlagen, als er kurz nach 13 Uhr an das Rednerpult tritt, übermüdet, alt. Der Familienpatriarch beginnt mit leisen Worten. "Wendelin Wiedeking ...", hebt er an, doch dann versagt dem jüngsten Sohn des Firmengründers Ferry Porsche die Stimme. Er ringt um Fassung, die Augen werden feucht. Es regnet in Strömen. Er fährt fort "... hat uns aus der tiefsten Not in Höhen geführt, die wir uns nicht vorstellen konnten." Ein Konzert aus Tröten und Hupen, Applaus und lauten Rufen setzt ein. Und wieder wird die Stimme schwach, übermannen ihn die Emotionen, bis er hervorstößt: "Der Mythos Porsche lebt, und er wird nie untergehen."

Es ist der Tag seiner Kapitulation vor Ferdinand Piëch, seinem Cousin und Gegenspieler in der Familien-Saga. Porsche hat zwar tapfer gekämpft. Den glatten Durchmarsch des streitbaren Cousins hat er verhindert, hat ihm eine größtmögliche Eigenständigkeit der Zuffenhausener im gemeinsamen Konzern abgetrotzt. Aber das Opfer ist groß: Er verliert mit Wendelin Wiedeking seinen wichtigsten Mann. Der westfälische Dickschädel war der Einzige, der fachlich Piëch die Stirn bieten konnte. Doch dass sein Trumpf ausgestochen wurde, hat Wolfgang Porsche mit zu verantworten. Er regelt Familienangelegenheiten gerne im Stillen. Der 66-Jährige gilt als höflicher Mensch. Harmoniebedürftig sei der ehemalige Waldorfschüler, heißt es in seinem Umfeld. Die Familienangelegenheit ist in diesem Fall aber der knallharte Machtkampf um Europas größten Autobauer Volkswagen. Wolfgang Porsches größter Fehler war es wohl zu glauben, dass diese beispiellose Fehde mit Piëch im Stillen und mit guten Manieren zu gewinnen war.

Dabei hatte er gute Vorsätze, als er 2007 den Aufsichtsratsvorsitz für sich beanspruchte. Er selbst wollte diesen Posten bei Porsche, um Wiedeking noch besseren Flankenschutz gegen seinen streitbaren Cousin zu geben. Helmut Sihler, der 14 Jahre zwischen den zerstrittenen Familienteilen vermittelte, räumte ein Jahr vor Ablauf seiner Amtszeit das Feld. Mit 63 Jahren wurde Wolfgang Porsche formal zum mächtigsten Mann im Porsche-Reich. Dazu Chef des Porsche-Familienzweigs, der immerhin "ein paar Prozent mehr" - wie er es ausdrückt - als die Piëchs am Unternehmen besitzt.

Seitdem er den Aufsichtsratsposten bei Porsche übernommen hatte, eskalierte allerdings die Auseinandersetzung. Nicht weil er handelte, sondern weil er nicht handelte. Zu blind war sein Vertrauen in Wiedeking und seinen Finanzhasardeur Holger Härter. Ein stärkerer Aufsichtsratschef hätte zur Jahreswende nie und nimmer der Aufstockung der Porsche-Beteiligung an VW von gut 43 auf über 50 Prozent zustimmen dürfen.

Die Autokrise war schon in vollem Gange und der Widerstand in Berlin groß, das VW-Gesetz zu kippen, so wie es die EU verlangte. Und er wusste als Aufsichtsratschef genau, dass die Rechnung einer VW-Übernahme nur aufgeht, wenn das VW-Gesetz komplett fällt und sich Porsche mit der geplanten Aufstockung auf 75 Prozent über einen Gewinnabführungsvertrag an der VW-Kasse bedienen kann. Trotz der hohen Risiken gab er Wiedeking freie Bahn, weitere sieben Prozent für sechs Mrd. Euro zu erwerben, obwohl Porsche schon die Hauptversammlungsmehrheit bei VW sicher hatte. Sechs Mrd. Euro, die am Ende bitter fehlten. Piëch ahnte das Unheil und nickte trotzdem alle Beschlüsse im Porsche-Aufsichtsrat ab. Kalt lächelnd ließ er seinen Cousin nebst Wiedeking in das offene Messer der Finanzkrise laufen.

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