Kampf gegen das Image des Languedoc
Ernte um Mitternacht

Der Australier Ashley Huntington revolutioniert den französischen Weinanbau. Sowohl beim Anbau wie bei Produktion und Marketing geht er neue Wege.

Lange Jahre hatte Frankreich beim weltweiten Weinabsatz im wahrsten Wortsinne unangefochten eine Spitzenlage. Inzwischen jedoch haben die französischen allen Weinbauern Grund, leicht sauer zu sein, nicht nur wegen der jungen, spritzigen Konkurrenz aus Kalifornien und Australien. Was noch dazu kommt: Die Franzosen trinken weniger Wein, nur noch 65 Liter pro Jahr und Person gegenüber 103 Liter vor 40 Jahren. Mehr noch: Wettbewerb wächst sogar auf eigenen Anbaugebieten: Der Australier Ashley Huntington verwaltet das Gut Domaine e la Baume in der größten Weinregion des Landes, Languedoc-Roussillon. Dort setzt er statt auf überlieferte Traditionen auf pfiffige Innovationen, kräftig unterstützt von seiner Muttergesellschaft, der australischen BRL Hardy Ltd.

Das ist auch notwendig. „Wir sind gerade dabei, die Schlacht um neue Konsumenten zu verlieren“, warnt Jacques Berthomeau, Berater des Landwirtschaftsministeriums. Für ihn liegt der Schlüssel zur Wiederbelebung des französischen Weinbaus eindeutig im Languedoc. Dort werden rund sieben Prozent des Traubenbedarfs weltweit und mehr als ein Drittel des Bedarfs in Frankreich angebaut.

Aber während Gegenden wie Bordeaux im vergangenen Jahrhundert weltberühmt wurden, gilt Languedoc eher als Anbaugebiet für billigen, minderwertigen Wein. Doch dank der Neulinge wie BRL Hardy und Huntington ändert sich das jetzt langsam. Huntington bietet inzwischen Weine an, die nicht nur in Großbritannien hoch im Kurs stehen, sondern es sogar in die Weinkeller der exklusivsten französischen Restaurants geschafft haben. Und dabei arbeitet er bereits so profitabel, dass er inzwischen schon über globale Marketingwege nachdenkt, denn BRL Hardy und die amerikanische Constellation Brands Inc. haben sich gerade zum größten Weinproduzenten der Welt zusammengeschlossen.

Das Erfolgsrezept des Australiers ist vielleicht, dass er die mittlere Kategorie bedient, einem bisher im Heimatland der edelsten Tropfen vernachlässigten Marktsegment. Dabei lässt sich Huntington nicht von überlieferten Traditionen und teils veralteten Weinbaumethoden hemmen, hat er doch noch genug zu tun mit innovationsfeindlichen Gesetzen und engstirnigen Winzergenossenschaften, die einen Großteil der Produktion kontrollieren.

Frankreichs Not ist des Australiers Tugend: Während nämlich andere Länder mit Zusammenschlüssen große Branchenführer mit schlagkräftigen Marketingkonzeption agieren, teilen sich in Frankreich immer noch tausend kleine Familienunternehmen den Markt. Die einheimischen Winzer meinen immer noch, dass einzig das „terroir“ - die Lage, das Klima und der Boden eines Weinguts zählen. „Die Franzosen glauben, dass Gott den Wein macht. Wir denken eher, dass der Winzer den Wein produziert“, sagt Huntington.

Um Domaine de la Baume neu zu beleben, setzte sich der Australier über einige gallische Gewohnheiten hinweg. Damit der Wein in Form von Traubenlieferungen auch stetig fließt, lockte er Anbauer von den Genossenschaften weg, bewegte sie sogar, edlere Sorten auszubringen und führte neue Techniken wie die mitternächtliche Ernte ein. Wichtig war für ihn, eine einprägsame Marke für das Weingut zu schaffen, um sich von dem Durcheinander ungeläufiger regionaler Namen abzuheben. Sogar vor Schraubverschlüssen auf seinen Flaschen schreckte er nicht zurück.

Nach einem mühevollen Start hat der Mann von Down Under ein Netz von 40 Weinbauern und sogar Fürsprecher für seine neuen Methode gewonnen.

Schließlich zeigte sich auch eine der wenigen reformorientierten Winzergenossenschaften interessiert an der Methode Huntington. Die Kooperative L'Occitane mit 800 Weinbauern hatte schon vorher begonnen, ihre Mitglieder nach der Qualität der Trauben und nicht nach Quantität zu bezahlen. BRL Hardy erklärte sich bereit, L'Occitane mit zehn Prozent an Domaine de La Baume zu beteiligen. Im Gegenzug wurde dem Unternehmen der Zugang zur Produktion eingeräumt, und der Australier beriet die Franzosen bei der Umstellung auf neue Techniken. Diese Partnerschaft funktioniert so gut, dass sie nun noch vertieft werden soll.

Auch beim Marketing brach Huntington mit der alten französischen Tradition, die die Auflistung der Region und der genauen Lage des Weinguts auf dem Etikett gesetzlich vorschreibt. Die rund 400 „Appellations d'origine controlees“ haben selbst Weinkenner schon manchmal verwirrt. Da Languedoc weitgehend von diesem System ausgenommen ist, konnte Huntington seinen Wein einfach unter dem Namen „La Baume“ anbieten. Einprägsame Marken waren in den neunziger Jahren eines der Erfolgsgeheimnisse der Weinbauer aus der „Neuen Welt“.

Und noch ein Trend, der nicht aus Europa stammt, schlägt an: Huntington hat sich dafür entschieden, seine Weine nur aus einer einzigen Traubensorte herzustellen anstatt, wie in Frankreich beliebt, die Sorten zu mischen. Die Traubensorte wird auf dem Etikett vermerkt und gibt damit besonders Neukunden einen weiteren Orientierungspunkt bei der Weinauswahl.

Mit Hilfe des großen Verteilernetzes von BRL Hardy hat Huntington „La Baume“ bestens auf dem britischen Boom-Markt etabliert. Aber obwohl er die Qualität des Weins ständig verbessert, muss er wegen des Stigmas, das Languedoc anhängt, darum kämpfen, die teureren Sorten bei europäischen Einzelhandelsketten und Restaurants zu platzieren.Der billigste La Baume-Wein – zugleich beim Umsatz das Zugpferd – ist im Einzelhandel für fünf Euro pro Flasche zu haben. „Selection La Baume“ und „Domaine de la Baume“ kosten neun bzw. 15 Euro pro Flasche.

Vor drei Jahren landete Huntington einen Coup. Er kam unangekündigt mit zwei Flaschen „Domaine de la Baume“ im „Spoon“ vorbei, einem der Restaurants von Starkoch Alain Ducasse. Huntingtons Wein wurde aufgenommen. Im darauffolgenden Jahr lud er die Crème der Wein-Kritiker Großbritanniens ein, „das bestgehütete Geheimnis Frankreichs zu erleben.“ In einem Blindversuch sollten sie La Baume-Weine mit einem Dutzend erstklassiger Bordeaux und Burgunder vergleichen. Auch das funktionierte: Die Kritiker setzten Huntingtons Weine auf Platz eins und zwei.

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