Kampf um Steilmann-Gruppe
Bis zur letzten Sekunde

Mit der Übernahme des elterlichen Textilunternehmens tat sich Ute Steilmann keinen Gefallen. Schon seit Jahren schreibt der Bochumer Betrieb keine schwarzen Zahlen mehr. Ihr Kampf um die Rettung der Steilmann-Gruppe geht mitterweile in seine entscheidende Phase – mit guten Chancen.

DÜSSELDORF. Es geht um alles oder nichts. Um Insolvenz oder Überleben. Stundenlang laufen die Verhandlungen in der schmucklosen Bochumer Hauptverwaltung der Steilmann-Gruppe. Unternehmenschefin Ute Steilmann sucht nach einer Lösung, um die Reste des von ihrem Vater gegründeten Textil-Imperiums zu retten. Dann kommt am Spätnachmittag die Meldung: Die Verhandlungen mit der italienischen Radici-Gruppe stünden „kurz vor dem Abschluss“, sagt ein Sprecher des Düsseldorfer Wirtschaftsministeriums. Von Steilmann selbst war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Sollte der Vertrag mit Miro Radici unter Dach und Fach kommen, könnte Ute Steilmann das Traditionsunternehmen vor dem Aus und damit rund 500 Arbeitsplätze retten. Doch Einschnitte kann die 37-Jährige nicht vermeiden. „Wir müssen auf jeden Fall rationalisieren und können nur retten, was wirklich zu retten ist“, sagte Michelle Puller, Geschäftsführer von Miro Radici, der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“.

Vor drei Jahren übernahm Ute Steilmann den Vorsitz der Geschäftsführung im elterlichen Unternehmen – eine undankbare Aufgabe. Der gelernten Betriebswirtin des Einzelhandels soll das gelingen, woran ihre Schwester Britta Steilmann zuvor scheiterte: den Konzern wieder in die schwarzen Zahlen zu führen. Sie holt Roland Berger ins Haus und beschließt einen rigiden Sparkurs. Doch auch der hilft letztlich nicht. An diesem Mittwoch kündigt Ute Steilmann vorsorglich Insolvenzanträge für die Mutter- und Tochtergesellschaften an.

Auch wenn nun in letzter Minute die Rettung gelingen sollte – die Familie Steilmann ist gescheitert und damit eine der Legenden des deutschen Wirtschaftswunders, Klaus Steilmann. Der einstige C&A-Lehrling kaufte 1958 eine Näherei in Wattenscheid, die er nach und nach ausbaute. Allein in Deutschland produzierte er zeitweise in 47 Werken. „Mode für Millionen“ wollte er herstellen, „nicht für Millionäre“. Aber die Globalisierung mit fallenden Weltmarktpreisen für Textilien brachte das Familienunternehmen seit Mitte der 90er-Jahre zunehmend in Bedrängnis. Kritiker werfen Steilmann vor, er habe zu lange gewartet, Arbeitsplätze von Deutschland ins Ausland zu verlegen.

Er versäumte es auch, rechtzeitig einen geeigneten Nachfolger aufzubauen. Zwar zog er sich Mitte der 90er-Jahre kurzzeitig in den Beirat zurück und überließ Lothar Wackerbeck die Leitung. Doch der Quereinsteiger von der Deutschen Bank erwies sich bald als Fehlgriff. Und Tochter Britta scheiterte gleich zwei Mal. Von dem einst größten Modekonzern Europas blieb wenig übrig.

„Es tut weh, mein Lebenswerk sterben zu sehen“, sagte er am Vortag der „Bild“-Zeitung. Am gestrigen Donnerstag war er nicht zu erreichen. Er sei bei einem Empfang in Bonn, hieß es in Bochum.

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