Kardinal Reinhard Marx
„Die Fixierung auf Aktienkurse regt mich auf“

Europa muss es gelingen, eine verbindliche Gemeinschaft aufzubauen. Der Kardinal und Bestsellerautor Reinhard Marx über die Erneuerung der Marktwirtschaft, und warum Manager ihren Jahresgewinn überdenken sollten.
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Herr Kardinal, das deutsche Parteiensystem ist in Bewegung, Griechenland droht im Chaos zu versinken, und um den Euro ist auch es nicht zum Besten bestellt. Ihr Vorgesetzter, der Papst, aber hat von der Kirche gefordert, sich aus gesellschaftlichen Angelegenheiten möglichst herauszuhalten. Er sprach von "Entweltlichung". Aber wie soll das gehen?

Entweltlichung meint ja nicht, dass wir nicht mehr zu der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Stellung nehmen sollten, das hat der Papst durch seine eigene Sozial-Enzyklika selbst getan. Es kann, wenn wir vom Evangelium her denken, nicht um einen Rückzug der Kirche aus der Welt gehen, sondern es geht um ihr In-der-Welt-Sein. Der Glaube an einen Gott, der die Welt unbedingt liebt, stört den selbstzufriedenen Weltenlauf, stört Selbstgenügsamkeit und die Versuchung, sich über die anderen zu erheben und womöglich selbst als Mittelpunkt der besten aller Welten zu sehen.

Gerade wir Deutschen versuchen derzeit, dem Rest Europas unsere Vorstellung von Erfolg nahezubringen. Erliegen wir da im Sinne dessen, was Sie gerade gesagt haben, der Versuchung, uns selbst zu überhöhen?

Ich meine, dass das europäische Projekt lohnenswert ist, dass man es nicht nur darüber definieren darf, wer wie viel dafür zahlen muss. Ich bin seit einigen Wochen als Präsident verantwortlich für die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Europa auseinanderbrechen könnte - oder dürfte. Es bedarf dafür der Solidarität und des engagierten Einsatzes aller.

Haben Sie eine Idee oder gar eine göttliche Eingebung, wie Europa sich retten ließe?

Ich habe keine Patentlösung für alles, was auf der Tagesordnung steht. Aber ich merke bei vielen Kontakten außerhalb Europas, dass alle sehr gespannt darauf schauen, ob es uns Europäern gelingt, ein Gemeinwesen aufzubauen, das vielleicht nicht ein Staat im engeren Sinne ist, aber doch eine verbindliche Gemeinschaft darstellt, die verschiedene Kulturen und Sprachen verbindet und solidarisch zusammensteht. Wir sehen in der Krise zu wenig, welch unglaubliches Projekt Europa bedeutet.

Sie sprechen von Solidarität. Aber was bedeutet dieses Wort konkret: Ist solidarisch der, der den Krisenländern weiteres Geld gibt, oder der, der von ihnen Verantwortung einfordert?

Hilfe muss einen Sinn machen. Die katholische Soziallehre fordert sehr eindeutig das Prinzip der "Hilfe zur Selbsthilfe". Wenn wir also Transfers leisten, müssen wir uns immer fragen: Was bewegt das im anderen? Bei dieser Diskussion dürfen wir auch nicht vergessen, wie wir in diese Krisensituation hingekommen sind. Diese Selbsterkenntnis gehört auch dazu, um zukünftige Fehler zu vermeiden.

An welche Fehler denken Sie?

Man hat die Idee der Währungsunion und die der Politischen Union getrennt voneinander behandelt. Das eine jetzt, das andere später, das war die Denkrichtung. Dabei wussten eigentlich alle, dass eine Währungsunion eine engere politische, besonders finanzpolitische Union hervorrufen muss. Davon hat Helmut Kohl ja auch gesprochen. Dann aber ist das Wort "Politische Union" wie ein Unwort behandelt worden. Es verschwand, weil man sich dieser Realität mit all ihren Auswirkungen auf die Handlungsspielräume von nationaler Politik nicht stellen wollte. Das ist die eine Ursache unserer heutigen Krise. Die andere: Man hat die Verträge, die man zur Gestaltung der Währungsunion geschlossen hat, nicht eingehalten.

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