Karl Diehl kümmert sich seit 65 Jahren um das Geschick des Nürnberger Familienkonzerns
Der fränkische Patriarch

Er war nie so bekannt wie Max Grundig, der Radiokönig. Und er hatte immer viel weniger Kunden als Gustav Schickedanz, der Chef von Quelle. Doch in seiner fränkischen Heimat stellen sie Karl Diehl längst in eine Reihe mit den Nürnberger Unternehmerlegenden der Nachkriegszeit. Und das kommt nicht von ungefähr.

MÜNCHEN. Denn die Firmengruppe Diehl hat die beiden großen fränkischen Unternehmen in einem längst überflügelt: Diehl ist auch heute noch fest in der Hand der Familie, während die Grundig AG mittlerweile pleite ist und das Versandhaus Quelle vom Essener Warenhauskonzern Karstadt beherrscht wird.

„Ein Unternehmen kann nur mit Optimismus geführt werden“, hat Karl Diehl gesagt und damit fast ein Gesetz für die Firmengruppe geschrieben. 96 Jahre alt ist er inzwischen, vielleicht braucht man eine solch positive Lebenseinstellung, um so lange so frisch zu bleiben. Denn obwohl Karl Diehl längst biblisches Alter erreicht hat, bescheinigen Mitarbeiter dem Seniorchef „erstaunliche Fitness“.

Operativ kümmern sich längst die drei Söhne von Karl Diehl um die Geschäfte des Technologie- und Rüstungskonzerns. Der jüngste Spross, Thomas, ist Vorstandsvorsitzender und führt das Unternehmen, Werner ist Chef des Aufsichtsrats und Peter stellvertretender Vorsitzender des Kontrollgremiums. In Nürnberg wissen die Leute diese familiäre Kontinuität zu schätzen. Denn sie haben noch lebhaft vor Augen, wie die Manager nach dem Tode von Max Grundig das wichtigste Unternehmen der Stadt in Grund und Boden gewirtschaftet haben. Tausende verloren ihre Arbeitsplätze. Die Diehl-Gruppe dagegen steht auch 101 Jahre nach der Gründung gut da: Voriges Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro, nur leicht weniger als im Jahr zuvor. Der Gewinn kletterte sogar um fünf auf 65 Millionen Euro.

Diehl gilt gemeinhin als Rüstungsfabrikant, obwohl das Unternehmen nur rund ein Drittel seiner Einnahmen in den Waffenfabriken erwirtschaftet. Viel wichtiger ist das Geschäft mit Steuerungselementen für Haushaltsgeräte, die Metall verarbeitenden Betriebe sowie die hoch spezialisierte Produktion für die Luftfahrtbranche. Alles in allem stehen knapp 10 000 Leute auf den Lohnlisten, die meisten davon in Deutschland.

Karl Diehl und sein Nachfolger Thomas, die sich selten in der Öffentlichkeit zeigen, gelten als Firmenlenker, die sich stark um die Belange ihrer Mitarbeiter kümmern. Diehl habe immer gezeigt, dass die Verantwortung nicht am Werktor ende, „weder in guten noch in schlechten Zeiten“, sagte der frühere Wirtschaftsminister Werner Müller beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen vergangenes Jahr. Schon 1952 gründete Karl Diehl einen nach seinem Vater Heinrich benannten Fonds, der Not leidenden Mitarbeitern hilft.

Als beispielhaft gilt auch der Verkauf von Junghans: Weil die Uhrenfabrikation nicht mehr ins Portfolio des Technologiekonzerns passte, wollte Diehl das traditionsreiche Schwarzwälder Unternehmen verkaufen. Jahrelang wartete Thomas Diehl, bis er im Jahr 2000 den richtigen Käufer gefunden hatte, der das Überleben von Junghans garantierte. Als Miteigentümer kann es sich Thomas Diehl allerdings leisten abzuwarten. Den Druck der Aktienmärkte kennt er nicht. „Die finanzielle Unabhängigkeit ist ein wichtiger Erfolgsfaktor“, sagt er fast bei jeder Gelegenheit. Die Banken, schiebt er gerne nach, würden Diehl mehr schulden als umgekehrt.

Eigenständigkeit ist den Diehls heilig. Der Hang zur Metallverarbeitung auch. Der Großvater des heutigen Konzernlenkers hatte die Firma 1902 in Nürnberg als Kunstgießerei gegründet. Der Handwerksbetrieb produzierte zunächst Beschläge und Türklinken, später Messingstangen. Bereits 1938 übernahm Karl Diehl dann die Führung nach dem Tod seines Vaters. Zunächst stellte die Firma Uhren her, später wurden Gießereien übernommen und Werkzeugbauer dazugekauft. Gerne würde Thomas Diehl in diesen Tagen noch einen neuen, zivilen Bereich aufbauen. Die Kassen sind zwar gut gefüllt, für große Übernahmen neben der internationalen Expansion in bestehenden Feldern fehlt aber das Geld. „Als Familienunternehmen ist nicht immer alles finanzierbar, was wir gerade wollen“, sagt der Wirtschaftsingenieur.

Für die Familie gab es immer auch ein Leben abseits des Geschäftlichen. In Nürnberg gehören die Diehls zu den wichtigsten Förderern der lokalen Museen und der Altstadt. Dennoch ist Karl Diehl nicht unumstritten. Als er im Sommer 1997 Ehrenbürger wurde, hagelte es heftige Kritik, weil die Firma während des Krieges Zwangsarbeiter beschäftigt hatte. SPD-Gemeinderäte forderten Karl Diehl damals auf, die Auszeichnung zurückzugeben. So weit sollte es aber nicht kommen. Diehl gehörte schließlich zu den ersten Firmen, die Zahlungen an Zwangsarbeiter leisteten – lange bevor die offizielle Stiftung gegründet wurde. Erst vergangenes Jahr gab Karl Diehl die Führung im Aufsichtsrat ab. Jetzt ist er Ehrenvorsitzender auf Lebenszeit.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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