Karriere-Motor Weblog
Von „Lyssas Lounge“ in die Konzernzentrale

Katharina Borchert soll Deutschlands größte Regionalzeitung WAZ ins Internet-Zeitalter bringen. Ihre Berufung ist ein Zeichen dafür, dass ein Trend aus den USA nach Deutschland schwappt: Autoren von Weblogs machen so sehr mit ihren Texten auf sich aufmerksam, dass sie ihre Karriere befeuern.

ESSEN. Man kann nicht behaupten, dass es derzeit langweilig zuginge im Leben von Katharina Borchert. Am heutigen Mittwoch zum Beispiel ist sie im Kanzleramt: Als Erste darf sie ein Internet-Video-Interview mit Angela Merkel führen. Anschließend will sich die Regierungschefin eine halbe Stunde lang von ihr beraten lassen über ihre eigenen Internet-Video-Botschaften, die es seit kurzem gibt. Ein Blatt wird Borchert nicht vor den Mund nehmen: 26 000 Euro Produktionskosten für vier Folgen, wird Merkel hören, sind viel zu viel – das geht billiger.

Anschließend wird die gebürtige Wattenscheiderin zurückfahren in ihre derzeitige Bleibe: eine Wohngemeinschaft nahe dem Ku’Damm, wo die 33-Jährige im Auftrag von Coca-Cola eine Internet-WG betreut, die unter » www.weallspeakfootball.com über die WM schreibt.

Ruhe wird die freie Journalistin nicht haben: Denn seit dem Wochenende ist bekannt, dass Borchert ab dem 1. August einen neuen Job hat, „eine große, spannende Herausforderung“, wie sie sagt: Chefredakteurin der Onlineaktivitäten der Essener WAZ-Gruppe, Mutter unter anderem der „Westdeutschen Allgemeinen“ und der „Neuen Ruhr Zeitung/ Neuen Rhein Zeitung“.

Die Ruhrgebietsblätter sollen unter einem Onlinedach zusammengeführt werden mit allem, was technisch derzeit möglich ist – ein Projekt, das einen Maßstab setzen könnte in der deutschen Zeitungslandschaft. „Sie hat unsere volle Unterstützung und die unserer Gesellschafter“, legt „WAZ“-Geschäftsführer Bodo Hombach ein klares Bekenntnis zur neuen Strategie ab.

Borcherts Berufung ist ein Zeichen dafür, dass ein Trend aus den USA langsam nach Deutschland schwappt: Autoren von Weblogs, jenen Onlinejournalen, von denen es mindestens 47 Millionen weltweit gibt, machen so sehr mit ihren Texten auf sich aufmerksam, dass sie ihre Karriere befeuern. So wechselte Robert Scoble, Autor des Weblogs Scobelizer, jüngst von Microsoft in die Chefetage eines Start-ups. Und Journalist Om Malik erhielt Startkapital, um aus seinem Weblog Gigaom einen Vollzeitjob zu machen.

Auch Borchert ist bekannt geworden unter dem Pseudonym „Lyssa“ als Autorin von » „Lyssas Lounge“. Im Internet ist die Tochter des Ex-Landwirtschaftsministers Jochen Borchert (CDU) schon seit 1995 unterwegs. Damals absolvierte sie während des Jura-Studiums ein Praktikum bei der Uno – und war begeistert von der internationalen Kommunikation über E-Mail. Später erhielt sie mit ihrem Pionierwissen den Chefredakteursposten beim gedruckten Magazin „Das Internet-Programm“, das nicht mehr existiert.

Sie ist nicht die Einzige in Deutschland, die durch ihre Weblog-Erfahrung für neue Arbeitgeber interessant geworden ist. Vor einigen Monaten schon wechselte Unternehmensberater Heiko Hebig (» www.hebig.com) zu Burda um das Internetgeschäft des Verlags voranzubringen.

Außerdem wird zum 1. August Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach eine neue Stelle antreteten, der unter dem Namen » Haltungsturner  bloggt. Er wechselt vom Medienbeobachtungsdienst Ausschnitt zur PR-Beratung Edelman. Dort wird er sich als Director Online Conversations vor allem um die Kommunikation der Kunden im Internet kümmern. „Chief Blogging Officer“ nennt er das spaßeshalber. Der Theologe, Jahrgang 1969, sieht sich als „Verkäufer durch und durch“. Eigentlich sei ja sogar „die Theologie eine Art Verkaufsjob“. Und so soll er Edelman-Kunden anpreisen, „was im Netz passiert“ – von Weblogs bis Communities –, und wie sie dies für ihre Kommunikation nutzen können.

Edelman ist auch in Übersee ein Vorreiter in Sachen Weblogs: Vor einigen Monaten engagierte die Agentur mit Steve Rubell den bekanntesten bloggenden PR-Berater der USA. Und auch Agenturgründer Richard Edelman bloggt unter » www.edelman.com/speak_up/blog.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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