Karriere wie aus dem Lehrbuch
Kein Kinderspiel bei Zapf

Manche Monate sind turbulenter als ein ganzes Berufsleben. Georg Kellinghusen hat sie überlebt und bringt nun den Puppenhersteller Zapf auf Kurs.

MÜNCHEN. Es ist ein kühler, windiger Tag Ende August. Über den Himmel des fränkischen Städtchens Rödental jagen dunkle Wolken. Georg Kellinghusen weiß schon am frühen Morgen, dass die nächsten Stunden für ihn nicht leicht werden.

Hauptversammlungen sind zwar für den gestandenen Manager nichts Neues. Schon bei seinem früheren Arbeitgeber, dem Luxusmodeanbieter Escada, musste sich der Finanzspezialist mehr als einmal enttäuschten Aktionären stellen. Doch dieses Mal ist die Situation für Kellinghusen wesentlich unangenehmer.

Der Chef des schwer angeschlagenen Puppenherstellers Zapf Creation muss sich nicht nur mit aufgebrachten Kleinanlegern auseinander setzen. Sondern vor allem mit dem neuen Großaktionär MGA aus Amerika, denn der macht mächtig Druck. Mit einer dürren Erklärung, die MGA-Chef Isaac Larian von seinem Anwalt verlesen lässt, teilt dieser den verdutzten Anteilseignern mit, dass er die Firma ohne Rücksicht auf den derzeitigen Vorstand „auf Vordermann“ bringen wird. „Es gibt großes Potenzial für die Verbesserung des Managements bei Zapf“, lässt Larian ausrichten.

Vier Stunden später haben sich die Reihen im für die Hauptversammlung umgebauten Logistikzentrum von Zapf gelichtet. Das Aktionärstreffen ist vorbei. Kellinghusen steht im Vorraum an einem Stehtisch und plaudert entspannt mit den letzten Gästen. Den Kugelhagel hat er abgewehrt.

Die Kleinaktionäre hat Kellinghusen mit der Aussicht auf eine erfolgreiche Sanierung und damit steigende Kurse besänftigt. Den Angriff des amerikanischen Großaktionärs pariert er mit einigen gezielten Attacken und dem Verweis auf seine lange Erfahrung an der Spitze börsennotierter deutscher Unternehmen. Routiniert bleibt der Hauptmann der Reserve so lange wie nötig im Schützengraben, um dann im richtigen Moment mit einigen wenigen Schüssen in die Offensive zu gehen.

Seit 15. Februar ist Kellinghusen Finanzvorstand von Zapf, seit 19. Juni ist er Vorstandschef der Puppenwelt von Baby Born. Was der Vater von drei Kindern in dem Dreivierteljahr erlebt hat, müssen andere Manager in einem ganzen Arbeitsleben nicht mitmachen.

Die Kurzfassung: Kellinghusen kommt als Finanzexperte in ein börsennotiertes Unternehmen, das vor der Pleite steht und von einem Bilanzskandal erschüttert wird. Kurz danach muss der langjährige Vorstandsvorsitzende seinen Stuhl räumen, Kellinghusen löst ihn ab. Ein paar Wochen vergehen, dann legt ein japanischer Wettbewerber ein Übernahmeangebot vor, das Kellinghusen unterstützt.

Die Offerte scheitert, weil sich mit MGA ein Konkurrent aus den USA über Nacht 20 Prozent der Aktien sichert. Mit diesem Fünftel der Anteile gelingt es MGA, die Macht bei Zapf an sich zu reißen, den Posten des Vertriebsvorstands zu ergattern und zwei Leute in den Aufsichtsrat zu schicken. Gleichzeitig bleiben die Puppen von Zapf immer öfter in den Regalen liegen, die Geschäftslage verschärft sich.

Dass Kellinghusen das alles übersteht, hat viel mit seiner Erfahrung zu tun. Zum Beispiel bei Escada. Den Münchener Nobelschneider führte Kellinghusen als Finanzvorstand aus einer tiefen Krise. Fast auf den Tag genau drei Jahre vor der diesjährigen Hauptversammlung bei Zapf überzeugte er die Aktionäre von Kapitalmaßnahmen, mit denen der Einstieg eines Finanzinvestors möglich wurde. Die Finanzierung des klammen Unternehmens war damit gesichert, der Grundstein für die Sanierung gelegt.

Charakteristisch für Kellinghusen: Wie jetzt bei Zapf überzeugte er die Leute auch bei Escada mit seiner ruhigen, unaufgeregten Art. Wenn irgendwo Verwirrung herrscht, dann ist der Sohn eines Landwirts aus Schleswig-Holstein der richtige Mann. Der promovierte Kaufmann strukturiert die Dinge, hat einen unbestechlichen Blick für Zahlen und komplexe Zusammenhänge. Leute, die schon lange mit ihm zusammenarbeiten, bescheinigen ihm eine ausgeprägte Zähigkeit.

Bei Escada gelingt es Kellinghusen, sich als zweite Führungsfigur neben dem über Jahre dominierenden Unternehmensgründer Wolfgang Ley zu etablieren. Zum ersten Mal akzeptiert der eigenwillige Ley einen Manager neben sich.

Disziplin hat Kellinghusen früh gelernt. Gleich nach dem Abitur geht er zur Bundeswehr und steigt zum Leutnant einer Panzertruppe auf. Danach studiert er Betriebswirtschaft in München und promoviert am Lehrstuhl für Revisionswesen. Aus der Studienzeit stammt seine Vorliebe für die bayerische Landeshauptstadt, in der er heute wohnt.

Danach folgt eine Karriere wie aus dem Lehrbuch: erst Chef einer Bertelsmann-Tochter, dann Finanzvorstand des Batterieherstellers Varta, später in gleicher Funktion beim Telefonunternehmen Otelo und eben bei Escada.

Mit Ende 50, wenn andere Führungskräfte an den Ruhestand denken, will es Kellinghusen, der historische Firmenchroniken sammelt, noch einmal wissen. Er geht zu Zapf, pendelt von der Isar ins nördliche Franken. Der Aufwand lohnt sich. Denn inzwischen zeigen sich die ersten Erfolge seiner Sanierung: Im abgelaufenen dritten Quartal fährt er mit knapp sechs Millionen Euro erstmals wieder einen Gewinn ein. Der Umsatz geht zwar erneut um 13 Prozent auf 43,3 Millionen Euro zurück. Es seien jedoch Einnahmen weggefallen, mit denen Zapf eh kein Geld verdient habe, rechtfertigt sich Kellinghusen – und zeigt sich optimistisch: Mit den harten Einschnitten sei „die Basis geschaffen, um nächstes Jahr auf die Erfolgsspur zurückzukehren“.

Von der Zapf Creation, wie es sie noch vor einem Jahr gegeben hat, ist allerdings nur noch wenig übrig geblieben. Alle früheren Vorstände sind abgetreten. Den Einkauf übernimmt jetzt Großaktionär MGA, genauso den Vertrieb in Amerika. Viele Mitarbeiter müssen gehen, in diesen Tagen allein 45 in der Beschaffung in Hongkong.

Dass Kellinghusen selbst die Turbulenzen überlebt hat, schreiben Firmenkenner seiner Fähigkeit zu, ausgleichend zu wirken. Und der Erkenntnis bei MGA, dass der Mann mit seinem Renommee, das er bei Analysten hier zu Lande genießt, letztlich doch nützlich ist.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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