Karrieren
„Das ist die Mission Irland“

Einst wanderten Akademiker aus, jetzt kehren sie zurück.

DUBLIN. Kühl pfeift der Wind über den künstlichen See und die frisch gepflanzten Bäume im Gewerbegebiet Grange Castle vor den Toren Dublins. Er bricht sich an der grünlichen Glasfassade des neuen Wyeth-Werks, einer der größten biopharmazeutischen Anlagen der Welt. Grange Castle, benannt nach der nebenan liegenden Ruine, ist zurzeit das Vorzeige-Projekt der florierenden irischen Pharmabranche. Nicht nur, weil der US-Konzern Wyeth hier 1,8 Milliarden Euro investiert, sondern auch, weil das Werk Entwicklung und Produktion von Wirkstoffen sowie Medikamenten unter einem Dach vereint und damit Irlands Ambition unterstreicht, sich von der Pillenfabrik Europas zu einem Forschungs- und Entwicklungszentrum zu entwickeln.

Herr über das Werk ist Reg Shaw. Den untersetzten Mann mit der Stirnglatze hält es vor Begeisterung kaum auf dem Stuhl, wenn er von seiner Arbeit erzählt: „Ich habe noch kein besseres Start-up gesehen und nie mit besseren Leuten zusammengearbeitet.“ Er weiß, wovon er spricht, arbeitete er doch zuvor 25 Jahre lang als Pharma-Manager für Smithkline Beecham in den USA, Europa und Südamerika.

Wie so viele irische Akademiker hat der promovierte Chemiker seine Heimat verlassen, als es in den achtziger Jahren zu wenige Jobs gab. Doch das ist vorbei, seit Irland in den Neunzigern zum „keltischen Tiger“ aufstieg und dank guter Arbeitskräfte und günstiger Steuersätze Investoren aus den USA und Kontinentaleuropa anlockte. Der Aufschwung lockt seither auch ausgewanderte Akademiker zurück, die nach und nach die Spitzenposten in der irischen Industrie besetzen. Wie eben Reg Shaw, den es mit Stolz erfüllt, in Irland eines der größten und anspruchsvollsten Projekte der Branche verwirklicht zu haben. „Viele Chefs anderer irischer Pharmafabriken waren bei der Werkseröffnung, und andere haben mir schriftlich gratuliert“, sagt er.

Es herrsche ein starker Zusammenhalt in der irischen Pharmaindustrie, bestätigt Declan Farrell, der für Altana eine neue Fabrik in Carrigtohill baut. „Für uns ist das hier die Mission Irland“, bringt der 56-Jährige die Motivation seiner Manager-Generation auf den Punkt. Anspruchsvolle Projekte nach Irland zu holen und neue Arbeitsplätze zu schaffen erleben irische Manager in den Fünfzigern als Krönung ihrer Karriere. Die Vielzahl qualifizierter, wenn auch nicht mehr billiger Arbeitskräfte, die Unterstützung der Regierung und ein Steuersatz von 12,5 Prozent erleichtern es ihnen, für den Standort Irland zu werben.

Farrell sitzt noch ein paar Kilometer vom weißen, in eine grüne Talmulde geduckten Rohbau der Fabrik entfernt. Er ist Untermieter in einer langen Reihe weißer Bürobauten auf Little Island, mitten in Irlands Pharma-Cluster zwischen der südirischen Stadt Cork und dem Hafen Ringaskiddy. In den vergangenen Monaten stellte er die Mannschaft für das neue Werk zusammen – keine allzu schwere Aufgabe: „Wenn jemand ein neues Projekt startet, spricht sich das wie ein Lauffeuer herum“, erzählt der Manager. „Wir hatten an die 2 000 Bewerbungen für 40 Stellen.“ Darunter waren viele Corker, die in die Heimat zurückkehren wollen.

Auch Farrells Karriere führte ihn in die US-Pharmaindustrie, zu Schering Plough und Warner Lambert. Doch die Aufgabe, in der Heimat zu arbeiten, hat ihn gelockt. Die Bevölkerung sei sehr positiv zur Pharmaindustrie eingestellt, und die Universitäten suchten die Kooperation.

Auch in anderen Branchen wirkt die Irish Connection: Eine Reihe von IT-Unternehmen aus den USA hat Irland als Standort gewählt und irische Manager eingestellt. So kam auch Paul McCambridge in seine Heimat zurück. In den späten Achtzigern, als die Arbeitslosigkeit in seiner Heimat bei 20 Prozent lag, ging er in die USA und machte Karriere. „Das Leben drüben war komfortabel, ich hatte einen aufregenden Job, die Kinder fühlten sich sehr wohl“, berichtet der 51-Jährige mit den grau melierten, gescheitelten Haaren, „doch im Hintergrund war immer die Frage: Kehren wir nach Irland zurück?“

Vor zehn Jahren war es so weit: Der Chiphersteller Xilinx lockte mit dem Angebot, seine Europazentrale in Dublin aufzubauen. Mit einem achtköpfigen Team, das zur Hälfte aus Rückkehrern bestand, fing McCambridge damit an. Heute arbeiten rund 450 Xilinx-Mitarbeiter in Dublin, und McCambridge trägt als Geschäftsführer Verantwortung für Europa. „Es hat uns alle mit Stolz erfüllt, ein Unternehmen wie Xilinx nach Irland zu bringen“, sagt er.

Nun arbeitet McCambridge daran mit, Irland auf die nächste Entwicklungsstufe zu heben und mehr Forschung und Entwicklung ins Land zu holen. Gerade hat er mit dem Wirtschaftsminister ein 7,5 Millionen Euro teures Forschungszentrum für Netzwerk-Architekturen in Dublin eröffnet. 125 Millionen Euro hat das Unternehmen bereits in Irland investiert, mehr als irgendwo sonst außerhalb der USA. Auch bei McCambridge verbindet sich die Loyalität zum Land mit der zum Unternehmen. „Es ist kaum zu glauben, dass es erst zehn Jahre her ist, dass wir eine hohe Arbeitslosigkeit hatten“, sagt er. „Es hat für mich eine immense emotionale Bedeutung zu sehen, wie sich mein Land entwickelt hat.“

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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