Karrieresprung
Vom Ein-Euro-Job in den Bundestag

Wenn die frisch gewählte Abgeordnete Elke Reinke am Freitag zur ersten Fraktionssitzung nach Berlin fährt, muss sie sich das Geld für das Bahnticket erst noch borgen. Die Langzeitarbeitslose aus Aschersleben (Sachsen-Anhalt) wird künftig einen von 54 Sitzen der Linkspartei im Bundestag einnehmen.

HB ASCHERSLEBEN. Und wenn im höchsten deutschen Parlament künftig über die Arbeitsmarktreform Hartz IV debattiert wird, kann sie ein gewichtiges Wörtchen mitreden. "Ich weiß, wie es ist, von Arbeitslosengeld II leben zu müssen", sagt die gelernte Elektroingenieurin, die in einer teilsanierten Plattenbauwohnung in der 26 000 Einwohner-Stadt lebt.

Seit Juli dieses Jahres verdient sich die Mutter zweier Kinder als Ein-Euro-Jobberin in der Stephanie-Kirche ihrer Stadt etwas hinzu. Sie verkauft Postkarten, führt gelegentlich Schulklassen und Touristengruppen durch das fast 500 Jahre alte Gotteshaus. Ursprünglich hatte sie den Job bis Ende des Jahres vermittelt bekommen. Dass sie als WASG-Mitglied mit dem Listenplatz 5 auf der Kandidatenliste der Linkspartei Sachsen-Anhalts tatsächlich den Sprung ins Parlament schaffen würde, kam dann doch sehr überraschend.

Seit 15 Jahren ist Elke Reinke arbeitslos und teilt damit das Schicksal vieler Menschen in Ostdeutschland. Die Arbeitslosenquote im Kreis Aschersleben-Staßfurt ist mit 21,6 Prozent ungefähr doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Reinke ließ sich mehrfach umschulen, was nicht viel brachte. Sie schrieb zahlreiche Bewerbungen, die ebenfalls erfolglos blieben. "Ich war schon ziemlich mutlos" erinnert sie sich. Da halfen nur Hobbys: Radfahren und Wandern im nahen Harz.

Als die Diskussionen um Hartz IV anbrachen, wurde sie politisch aktiv. Sie organisierte die Montagsdemonstrationen gegen Sozialabbau in Halberstadt, dann in Ascherleben. Tausende standen vor dem dortigen Arbeitsamt, um sich ihre Reden anzuhören. Später wurde sie Mitglied der Wahlalternative für Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG). Sie zögerte auch nicht lange, als sie gefragt wurde, ob sie für den Bundestag kandidieren will.

"Wenn ihr merkt, dass ich abhebe, holt mich zurück"

"Ich finde es schlimm, dass ich meine Kinder nicht finanziell unterstützen kann", sagt sie. Ihre 22 Jahre alte Tochter Stefanie studiert derzeit Mathematik im thüringischen Ilmenau. Ihr 17 Jahre alter Sohn Andreas absolviert eine Lehre als Facharbeiter für Heiz,- Klima- und Sanitärtechnik in Saalfeld, ebenfalls in Thüringen. Sie selbst hatte zu DDR-Zeiten am Chemiestandort Buna den Beruf einer Nachrichtentechnikerin gelernt, bevor sie ihr Ingenieurstudium absolvierte.

Den Bundestag hat die 47-Jährige bislang nur einmal als Besucherin von innen gesehen. Um sich auf die neue Tätigkeit vorzubereiten, studiert sie während ihres Ein-Euro-Jobs schon mal den "Wegweiser für Abgeordnete des Deutschen Bundestages". Auch das Geld für die Fahrt muss sie sich bald nicht mehr borgen. Für Abgeordnete ist die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel frei. Mit ihren Bezügen als Abgeordnete werden auch die finanziellen Sorgen ein Ende haben. Doch bodenständig will sie bleiben. "Wenn ihr merkt, dass ich abhebe, holt mich ganz schnell zurück", sagt sie ihren Freunden und Verwandten.

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