Klaus Franz
Der heimliche Boss von Opel

Klaus Franz ist eine Schlüsselfigur beim Rüsselsheimer Autohersteller. Er kämpft für die Selbstständigkeit des Konzerns - und geht heute mit Tausenden Kollegen auf die Straße. Am Freitag tagt der Aufsichtsrat.

FRANKFURT. Seinen Humor hat Klaus Franz auch in der Krise nicht verloren. „Wenn man nach mehr als 80 Jahren erstmals ohne seine Mutter nach einer Partnerin Ausschau halten darf, hat das schon etwas Prickelndes“, beschreibt der 56-Jährige die Lage des Rüsselsheimer Autobauers.

Doch viel zu lachen hat der Opel-Gesamtbetriebsratschef in diesen Tagen nicht. Eine Krisensitzung jagt die nächste in der Opel-Zentrale. Heute wird er Seite an Seite mit Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier auf einer Großkundgebung vor der stahlgrauen Fassade des Adam-Opel-Hauses in Rüsselsheim für eine Loslösung vom angeschlagenen US-Mutterkonzern General Motors (GM) kämpfen.

Morgen ist dann Tag X. Der Tag, an dem das Management dem Aufsichtsrat das neue Zukunftskonzept vorlegt. Vize-Aufsichtsratschef Franz hat sich längst festgelegt: Er will eine europäische Lösung für Opel. Doch erst morgen wird er ganz genau wissen, ob sich die einflussreiche Arbeitnehmerbank in Rüsselsheim durchsetzen kann.

Der Mann mit dem markanten Schnäuzer und der kleinen Metallbrille weiß, dass sich nicht nur heute wieder viele Blicke der Opelaner auf ihn richten werden. Franz ist quasi das Gesicht von Opel geworden. Er füllt eine Leerstelle, die der Mutterkonzern auch mit zahlreichen abrupten Managementwechseln an der Spitze des Unternehmens in der Vergangenheit hinterlassen hat. Bob Hendry oder Gary Cowger – kann sich noch irgendjemand an diese Opel-Lenker erinnern?

Franz dagegen ist eine Konstante. Er hat 1975 in Rüsselsheim als Lackierer angefangen, kurz nachdem Joschka Fischer und andere sich bei Opel einstellen ließen, um die Bandarbeiter zum politischen Aufbruch zu bekehren. Fischer war nach wenigen Monaten wieder verschwunden. Franz blieb und trat den Marsch durch die Institutionen an. Seit 2000 ist er nun Betriebsratsvorsitzender. Mit dem Grünen-Politiker teilt er bis heute das Faible für guten Wein und die Vorliebe für Italien sowie ein Engagement für die Grünen. So saß er zeitweise für die Partei im Rüsselsheimer Stadtrat, ohne allerdings den Grünen beizutreten.

Auch ein anderer Charakterzug ist beiden eigen: Ebenso wie Fischer lange die Grünen dominierte, drückt auch Franz dem Unternehmen in Rüsselsheim seinen Stempel auf: Er gilt als der heimliche Drahtzieher und Antreiber der Traditionsmarke mit dem Blitz. Er unterhält beste Verbindungen zu Opel-Chef Hans Demant und GM-Europachef Carl-Peter Forster. „Die Stimme von Franz hat Gewicht“, sagt fast ehrfürchtig ein Ex-Manager von Opel. „Manchmal wirkt er schon wie der heimliche Vorstandschef.“

So ist es Franz, der im Januar zu vertraulichen Gesprächen in die Zentrale des von der Insolvenz bedrohten Mutterkonzerns reist, um Pläne für eine Herauslösung Opels zu präsentieren. Nun will er gemeinsam mit dem Management der Regierung eine Bürgschaft in Milliardenhöhe abringen und Opel zumindest teilweise aus dem Verbund des Mutterkonzerns lösen – seine bisher größte Herausforderung.

Für einen Betriebsratschef, der um seinen Konzern bangt, wirkt Franz ruhig. Er hält keine Brandreden, er hetzt nicht gegen das Management in Europa. Nur seinen Unmut über die ferne Zentrale in Detroit versteckt er nicht mehr. „Die GM-Sparpläne haben katastrophale Folgen für die GM-Marken in Europa“, macht er klar.

Nun will Franz nur eines: dass GM nicht mehr alleine das Sagen hat. Nur so, argumentiert er, kann Opel in den Genuss von Staatsbürgschaften in Europa kommen. Die ersten Pflöcke hat er bereits eingeschlagen.

Dass dieses Thema nun überhaupt zur Debatte steht, ist fast ausschließlich sein Werk. Die außerordentliche Opel-Aufsichtsratssitzung am morgigen Freitag könnte damit zu seinem Meisterstück werden. Aber Aufregung ist dem Familienvater nicht anzumerken. Man spürt, dass Franz wie kaum ein anderer deutscher Betriebsratschef über Krisenerfahrung verfügt und schon mehr als eine für die Mitarbeiter bittere Restrukturierung gemeistert hat.

Denn so konziliant der Mann mit dem schwäbischen Zungenschlag sein kann, so hart kämpft er in der Sache am Verhandlungstisch. So rang er im Jahr 2005 dem Konzern den Kompromiss ab, den Abbau von 9000 Stellen bei Opel ohne betriebsbedingte Kündigungen zu vollziehen.

Auch diesmal hat Franz als Marschroute ausgegeben, dass betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen in Europa verhindert werden müssen. Doch auch er weiß genau, dass Opel um einen Stellenabbau nicht herumkommen wird.

In seinem Büro im zweiten Stock des Gebäudes D 10 im Werk Rüsselsheim hat Franz hinter dem mit grauem Kunststoff beschichteten Schreibtisch ein Ölbild des hessischen Malers Hans Diebschlag aufgehängt. Es heißt „Das Herz von Rüsselsheim“.

In diesen Tagen schaut sich Franz das Bild oft an. Diebschlag malte es von einem Foto ab. Es entstand vor fast vier Jahren bei einer Kundgebung auf dem Werksgelände in Rüsselsheim. Damals wurden Tausende Arbeitsplätze bei Opel gestrichen, aber betriebsbedingte Kündigungen vermieden.

Doch, das weiß der oberste GM-Arbeitnehmervertreter in Europa, mit einer Demonstration alleine wird sich die Schieflage von Opel nicht beheben lassen.

Klaus Franz

1952 Er wird am 4. April in Bad Cannstatt bei Stuttgart geboren. Nach dem Realschulabschluss absolviert Klaus Franz eine Lehre als Drogist. Danach besucht er eine Fotofachschule in Kiel und schließt sie 1974 ab. Ein Jahr später startet er als Autolackierer bei Opel in Rüsselsheim.

1981 Franz wird in den Betriebsrat gewählt. Nebenher erwirbt Franz Mitte der neunziger Jahre an der Fachhochschule in Frankfurt am Main das Diplom eines Sozialarbeiters.

2000 Klaus Franz wird im Juli Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Adam Opel AG und Vorsitzender des europäischen General-Motors-Arbeitnehmerforums. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%