Klaus Heymann mischt mit seinem CD-Label Naxos von Hongkong aus den Markt für klassische Musik auf
Der verrückte Deutsche

Man könnte ihn in seinem Haus mitten in Hongkong treffen, in bester Gegend von Kowloon. Man könnte ihn auch in Neuseeland auf seinem Anwesen in der Nähe der Hauptstadt Auckland besuchen, wo er zwei Monate pro Jahr lebt. Oder man verabredet sich mit ihm in Deutschland, wo er nur selten anzutreffen ist.

KÖLN. Aber jetzt ist er gekommen. Klaus Heymann sitzt im Foyer des Kölner Fünf-Sterne-Hotels Excelsior, direkt gegenüber dem Dom, auf einem plüschigen Sofa und redet über Deutschland. „Ich möchte hier kein Unternehmen führen“, sagt er mit ruhiger, fester Stimme. Er zählt die Gründe auf: starke Gewerkschaften, hohe Steuern, lange Kündigungsfristen. Und vieles geht ihm hier zu langsam, vor allem in der Telekommunikation. Wenn er mit seiner Frau von Deutschland oder England nach Hongkong jettet, pflegt er gerne zu sagen: „Wir kommen jetzt aus der zweiten in die erste Welt.“

Klar, dass der schlanke, groß gewachsene Mann mit dem weißen, widerspenstigen Haar, das immer wieder in die Stirn fällt, sein Vermögen nicht in Deutschland gemacht hat – sondern in Hongkong.

Dort gründete er Naxos und setzte sich als Außenseiter mit CDs für zehn Mark gegen die etablierte Konkurrenz durch. Heute zählt sein Label weltweit zur Spitzengruppe der Marken für klassische Musik, bei dem inzwischen auch renommierte Namen wie das London Symphony Orchestra Aufnahmen veröffentlichen. Im vergangenen Jahr setzte er mit 250 Mitarbeitern weltweit nach eigenen Angaben 85 Millionen Dollar um und erzielte einen Gewinn von „vier bis fünf Millionen Dollar“. Und er fügt hinzu, Steuern seien in Hongkong kein Thema.

Aber die Steuern waren es nicht, die ihn nach Hongkong trieben. Den jungen Mann, der Sprachen studierte und dann doch nicht Professor für Anglistik und Romanistik wurde, „weil viele der Leute auf diesen Gebieten nur kleines Spezialwissen besitzen“. Den jungen Mann, der als Student vermögenden Menschen wie Georg von Opel Tennisunterricht gab, deren Häuser verwaltete und Spaß daran fand, einmal viel Geld zu verdienen. „Ich musste nur eine schöne Branche finden“, wie er heute erzählt.

Die fand er. Er sollte in Hongkong eine Dependance für Billigblättchen für im Ausland stationierte US-Soldaten aufbauen. Er beschafft sich die Adressen, beliefert die Truppen in Vietnam, die Auflage steigt. Er bleibt in Hongkong und nutzt die Adressen für den Vertrieb von Kameras und Hifi-Geräten. Außerdem hilft Klassikfan Heymann, das Hongkong Philharmonic Orchestra zu gründen, und lernt seine Frau kennen, die japanische Geigerin Takako Nishizaki. Zusammen nehmen sie chinesische Musik auf. Für den europäischen Markt gründet er das Label Marco Polo und spielt seltene Stücke von Beethoven und Mozart ein. Als die CD-Produktion billiger wird, startet er 1987 Naxos und greift mit Tiefpreisen von zehn Mark die Konkurrenz von Deutsche Grammophon bis Philips an.

„Ich hieß damals ,The crazy German’, der verrückte Deutsche, in Hongkong“, erzählt er heute mit der Genugtuung desjenigen, der es geschafft hat. Die Konkurrenz hängt ihm damals das Image des billigen Jakob an, weil er CD zu Minimalkosten in Kirchen, Konzertsälen mit unbekannten Orchestern aus Osteuropa produziert.

Aber er hält durch, platziert sogar CD-Regale mit Naxos-Aufdruck in Läden, die Stückzahlen steigen. Mitte der neunziger Jahre kommen auch Konkurrenten mit preiswerten Angeboten. Aber da ist der Störenfried längst etabliert. Heute umfasst das Programm knapp 3 000 Titel. Das Label hat das Image der Billigqualität verloren. Aber er produziert weiter zu Niedrigkosten.

Mehr Geld verdient er heute mit DVDs, Lizenzen und dem Verkauf digitaler Musik über das Internet. So beliefert er iTunes, die Plattform für die Musikmaschine iPod von Appel. „Er ist eine treibende Kraft in der Branche, wenn es um neue Technologien geht“, sagt Gerhard Georg Ortmann, Chef des Internet-CD-Versenders JPC.

Deshalb denkt der gebürtige Frankfurter, der schon mal ins Englische ausweicht, weil ihm das deutsche Wort fehlt, ein Stück weiter: „Es kann gut sein, dass wir in zwei bis drei Jahren CDs nur noch in kleinen Stückzahlen produzieren und vertreiben, hauptsächlich zur Werbung für den digitalen Vertrieb.“

Führt er dann noch selbst die Geschäfte? „Ich mache weiter, so lange ich mich noch geistig und physisch fit fühle“, sagt der Mann mit dem festen Händedruck. Und man hat keinen Zweifel, dass Heymann, der jünger wirkt als 68 und keine Krawatten mag, noch lange fit bleibt.

Sein 28-jähriger Sohn Henryk kommt als Nachfolger nicht in Frage. „Er wollte nicht so gerne für Vati arbeiten“, sagt der Senior mit ironischem Unterton. Henryk interessiert sich für Rockmusik. Und der Vater fügt hinzu: „Er will nicht so hart arbeiten wie ich.“ Der Senior klappt seinen Laptop morgens früh auf und erst spätabends zu. Zwischendurch gönnt er sich mal eine Runde Golf und einen Mittagsschlaf.

Ein anderer Nachfolger ist nicht in Sicht. Es liegt auch daran, dass Heymann „das Delegieren nicht so leicht fällt“, wie Chris Voll, Geschäftsführer von Naxos Deutschland, andeutet.

Und verkaufen? Heymann verzieht das Gesicht, als schlage man ihm eine Notoperation vor. „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.“

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