Königsdisziplin Vernetzen
Rush Hour

Es sind die hässlichsten Partys, auf die man überhaupt eingeladen werden kann: die des eigenen Arbeitgebers. Man selbst ist nur dabei, weil die Firma den jungen Kollegen mal die Gelegenheit geben will, sich ordentlich zu vernetzen.

DÜSSELDORF. Parkettsicher sollen sie werden. Und Verbindungen müssen sie ja auch irgendwann aufbauen. Da können die Jungen noch was lernen von den Alten, für die alles nichts ist als ein Heimspiel. Kennt man ja jeden, in der Branche, ist ja klar, nach zwanzig Jahren. Und wenn die Firma das Bier zahlt, ist man dabei. Nein, es macht keinen Spaß, aber man muss sich ja blicken lassen, wenn die Kunden antanzen. Nein, macht keinen Spaß. Aber manchmal ist Müller dabei und Fricke eigentlich immer, und dann steht man halt so zusammen. Macht keinen Spaß, aber beim letzten Mal war das Essen o.k., und der Hochgärtner, der war nachher blitzeblau, ist ihm heute noch peinlich.

Und außerdem die ganzen jungen Kollegen, an der Bar, feige zusammengerottet. Brauchen einen Schubs, um dem Feind ins Auge sehen zu können: den Außendienstlern, Verbandsleuten, den besten Kunden, den fiesesten Aktionären, den ätzendsten Lieferanten. Mit denen müssen sie sich vernetzen. Und zwar flott: Wer nach einer halben Stunde noch nicht ausgeschwärmt ist, sich immer noch an der Bar festklammert, hat ein Problem. Und wer am nächsten Morgen ohne zwanzig neue Visitenkarten ins Büro kommt, hat versagt.

Vor allem, seitdem Networking die Königsdisziplin im Job geworden ist. Früher hieß das anders: mit einem eine Leiche im Keller haben, zum Beispiel. Oder: Der schuldet mir noch was. Oder: Eine Hand wäscht die andere.

Heute heißt es Networking. Kommt noch vor Lesen, Rechnen Schreiben bei den Nachwuchsführungskräften. Steht als felsenfester Programmpunkt bei allen Fachtagungen, Branchenzusammenkünften und Firmenevents unter der Rubrik „Get together“ auf der Tagesordnung. Kein Wunder, dass die Jungen Angst haben. Weil Get-together schlimmer ist als einfaches Vernetzen. Beim Networking kann man sich mal eine halbe Stunde mit einem Menschen unterhalten: vorausgesetzt, die Szene sieht nach intensivem Vernetzen aus.

Beim Get-together geht das nicht. Hierbei handelt es sich eher um eine Art rituellen Umgangs, bei dem man, im Kreis schlendernd, unablässig grüßt. Als Jungspund jedenfalls. Während die Alten am Tresen und an der Bar stehen und grüßen lassen. Und wenn sie es ganz, ganz gut mit einem meinen, dann winken sie zurück. Oder lassen einen ein Bier mittrinken. Aber nur diejenigen, bei denen sie Angst haben müssen, dass sie selbst einmal Chefs werden.

Seien wir ehrlich. Das Vernetzen ist eine ziemlich miese Erfindung ziemlich beknackter Personalchefs.

Wahrscheinlich gibt es unter Personalberatern eine Gleichung: Je besser einer vernetzt ist, desto geringer das Fachwissen. Oder: Wer nach zwei Jahren in der Firma mehr als 100 Branchengrößen mit Namen und Gattin kennt, hat zu wenig gearbeitet – und macht nicht Karriere.

Spaß macht das Vernetzen nur denen, die nicht viel mehr können. Jetzt ist die richtige Zeit, um sich das selbst klar zu machen – und um sich auf eine Karriere als einsamer Wolf vorzubereiten: Wer düster schaut und nur verhalten grüßt, der hat die Nase vorn. Weil sich der Chef dann denkt, da schau mal an, der Ritzenheller. Hat sie offenbar auch schon satt, die alten Säcke an der Bar, die mit den Kunden besser befreundet sind als mit den eigenen Controllern. Gefällt mir, denkt der Chef – und beschließt, den Ritzenheller zu fördern.

O.k. Er muss ziemlich gut sein im Job, der Ritzenheller. Ist aber kein Problem, wenn man einigermaßen ausgeschlafen ist. Und die anderen nicht.

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