Köpfe: Der sanfte Sturz des Übervaters

Köpfe
Der sanfte Sturz des Übervaters

Citigroup-Vorstandschef Charles Prince baut die größte US-Bank so geräuschlos um, dass es fast keiner merkt. Ein Porträt.

NEW YORK. Bei Sandy Weill hätte sich die Frage gar nicht gestellt. Denn was der charismatische Ex-Chef des US-Finanzriesen Citigroup sagte, galt – egal, ob irgendein Vorstand vorher was anderes behauptet hatte. Bei Weills Nachfolger Charles Prince sind die Analysten da nicht so sicher. Deshalb fragt einer nach, als Prince kürzlich bei einer Rede Kriterien für künftige Akquisitionen aufstellt. Ob Prince damit dem Privatkunden-Vorstand Steven Freiberg widerspreche, der eben diese Regeln aufweichen wolle? Der 55-jährige Citigroup-Chef antwortet mit einer Anekdote: Seine Schwiegermutter halte ein paar Citigroup-Aktien und habe ihn ermahnt, bei Zukäufen diszipliniert zu bleiben.

Nie würde der bis zur Verkrampfung freundliche Prince seinen Vorstand öffentlich maßregeln. Doch die scheinbar harmlose Fassade des studierten Anwalts, der seine hünenhafte Gestalt durch eine oft leicht gebückte Haltung zu verbergen sucht, trügt. Tatsächlich hat der seit Herbst 2003 amtierende Konzern-Chef die mit Abstand profitabelste Bank der Welt radikal umgebaut. So setzt die Citigroup, die am Freitag ihre Quartalszahlen vorlegt, unter Prince auf Wachstum aus eigener Kraft. Sein Vorgänger Weill baute dagegen den Finanzriesen durch eine Reihe von Megadeals, an deren Ende die zweitgrößte Bank der Welt nach der japanischen Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ mit einer Bilanzsumme von anderthalb Billionen Dollar stand.

Weill förderte auch Hahnenkämpfe unter seinen Managern, während Prince seine Leute zu ressortübergreifender Kooperation anhält. Der neue Chef hebt zudem effizienten Kapitaleinsatz und hohe Eigenkapitalrenditen hervor, während Weill auf hohe Wachstumsraten pochte. „Prince hat eine Kulturrevolution angezettelt, die ihm keiner zugetraut hätte“, sagt Analyst Richard Bove von der Investmentbank Punk Ziegel.

Lange stand der bei öffentlichen Auftritten oft steif wirkende Prince im Schatten des charismatischen Citigroup-Übervaters Weill, der noch bis zur Hauptversammlung im April den Aufsichtsrat leitet. Prince diente Weill jahrelang als Syndikus, und er entwindet seinem Mentor die Macht so sanft, dass es zunächst niemandem auffällt.

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