
Düsseldorf/HamburgWenn das Kerngeschäft kriselt, ist es höchste Zeit zu handeln. Das hat sich die Hamburger Unternehmerfamilie Otto offenbar gedacht und baut die Führung ihrer Handels- und Logistikgruppe grundlegend um. Der klassische Versandhandel leidet unter akuter Ertragsschwäche. Jetzt zieht Otto die Reißleine - und baut unterhalb des Konzernvorstands einen eigenen Bereichsvorstand auf, der die Geschäfte der Einzelgesellschaft Otto verantwortet.
Bisher führte der Konzernvorstand parallel auch den Otto-Versand, der mit rund zwei Milliarden Euro Umsatz für 17 Prozent der Konzernerlöse steht. Nun trennen die Hamburger die Verantwortung für Konzern und Kerngeschäft. Rainer Hillebrand, bis dato im Konzernvorstand für die Einzelgesellschaft Otto zuständig, muss die Verantwortung an den bisherigen Personalvorstand Alexander Birken abgeben.

Birken steigt damit faktisch zum neuen starken Mann hinter Konzernchef Hans-Otto Schrader auf. Er soll die Versandmarken Otto, Baur und Schwab stärker verbinden und so nicht zuletzt Kosten sparen. Intern läuft das Projekt unter dem Codenamen "Fokus". Zudem kümmert sich Birken weiter um die Expansion in Russland.
Der selbstbewusste Hillebrand agierte bisher nicht nur formal als Schraders Stellvertreter. Nun soll er sich im Konzernvorstand gesichtswahrend um Strategie und die diversen E-Commerce-Aktivitäten der Gruppe kümmern.
Ganz aus dem Konzernvorstand verabschieden muss sich Michael Heller, der Birkens Stellvertreter beim Otto-Versand wird und dort weiter Einkauf und Vertrieb verantwortet. Gemeinsam mit Marc Opelt, der bis 2013 in Personalunion Chef von Baur bleiben wird, und Petra Scharner-Wolff, die der Schwab-Gruppe vorstand, kümmert sich Heller als Bereichsvorstand künftig ausschließlich um den Otto-Versand.

Aufsichtsratschef Michael Otto, dessen Familie das von seinem Vater Werner Otto nach dem Krieg als Schuhhandel gegründete Unternehmen gehört, wertet den Umbau als "kraftvolles Zeichen für die weiterhin gute Entwicklung sowohl des Konzerns als auch von Otto". Allerdings zwingt nicht zuletzt die akute Ertragsschwäche im Kerngeschäft den Handelsriesen zum Handeln. Vorstandschef Schrader muss die Kosten im klassischen Versandhandel massiv senken und dazu den Konzern umbauen. Dieser "Restrukturierungsprozess" wird mit großer Sicherheit zu einem Jobabbau führen. Einige der 4 000 Arbeitsplätze bei den Versendern fallen "sehr wahrscheinlich" weg, hieß es gestern bei Otto erneut.
Erst im Herbst will Schrader die Mitarbeiter über Details informieren. Kündigungen kommen bei der Otto-Gruppe einem Kulturbruch gleich. Firmenpatriarch Michael Otto gilt nicht nur in seiner Heimatstadt Hamburg als Mäzen.
Das Unternehmen leidet seit Jahren unter schwacher Profitabilität. Im Ende Februar abgelaufenen Geschäftsjahr 2011/2012 musste der größte Versandhändler der Welt und zweitgrößte Onlinehändler hinter dem US-Rivalen Amazon einen erheblichen Rückschlag hinnehmen. Die Erträge entwickelten sich "unterdurchschnittlich", teilte das Unternehmen mit. Der Gewinn ist um mehr als zehn Prozent geschrumpft. Der Umsatz der Gruppe stieg nur leicht um 1,5 Prozent auf 11,6 Milliarden Euro.
Genaue Zahlen verkündet Schrader kommende Woche. Seinen Vertrag hat der Aufsichtsrat bereits vor einem halben Jahr bis 2016 verlängert.
Vor allem neue Konkurrenten setzen dem Universalversender zu. Amazon hat sich eine starke Position etwa bei Elektronik erarbeitet. Hinter Newcomern wie dem Online-Modehändler Zalando stecken Investoren, die hohe Verluste für schnelles Wachstum in Kauf nehmen - über viel Werbung und günstige Preise.
Schrader will seinen Versandhandel hingegen profitabel halten, hat aber zuletzt deutlich Marge verloren. Zudem schrumpfte Ottos Versandhandel in Deutschland um 2,1 Prozent beim Umsatz auf zwei Milliarden Euro.
Der besonders umkämpfte Onlinebereich macht dabei inzwischen zwei Drittel des Umsatzes aus. Auch andere traditionsreiche Versender sind schwer gebeutelt: Quelle verschwand nach der Insolvenz, die Markenrechte landeten bei Otto. Konkurrent Neckermann verzichtet künftig aus Kostengründen auf den gedruckten Katalog.
"Otto hat die Kraft, mit Amazon und Zalando mitzuhalten", sagt Handelsberater Günter Moeller. Die Stärke liege in der Kombination aus Versandhandel, E-Commerce und eigenen Läden in den Städten mit einem breiten Angebot.