Nichts weist im Konferenzraum von Dawanda darauf hin, dass hier Geld mit Gehäkeltem, Gestricktem und Gebasteltem verdient wird. Der Raum auf einer Gewerbeloftetage in Berlin-Mitte ist nüchtern unverbastelt. Und auch die Chefin Claudia Helming hat mit Handarbeiten nicht viel am Hut. Einmal hat sie es versucht – in Moskau, wo sie ein Jahr lang lebte und vor Weihnachten keine passenden Geschenke fand. In ihrer Not kaufte sie nackte Matroschka-Puppen, bemalte sie und musste feststellen, dass sie für Selbstgebasteltes zwei linke Hände hat. Der Misserfolg brachte die 34-Jährige aber auf die Idee, zusammen mit dem 27-jährigen Software-Entwickler Michael Pütz einen Internet-Marktplatz für Handgemachtes ins Leben zu rufen: Dawanda, benannt nach einem afrikanischen Frauennamen, der übersetzt „die Einzigartige“ heißt.
Der Name passt, denn viele Produkte auf Dawanda.com sind sehr individuell: vom Häkelkaktus bis zur Badeschokolade, vom Handyanhänger bis zur Laptoptasche, darunter viele Unikate. Bei manchen Anbietern kann man angeben, welchen Namen das Babylätzchen oder ein Kalender tragen soll, andere bieten an, dass sie ihr Produkt auch in anderen Farben oder Stoffen fertigen. Im Forum kann man Mitglieder sogar fragen, ob sie einem eine Mütze, wie man sie in einer Fernsehserie gesehen hat, stricken können.
25 000 Kreative bieten auf Dawanda rund 350 000 Produkte an, 150 000 Kunden sind registriert. Dawanda kassiert fünf Prozent Provision vom Verkaufspreis. Helming beschäftigt mittlerweile 13 Mitarbeitern. Sie will Dawanda zu einer bekannten Marke machen. „Wer an Geschenke kaufen denkt, soll an uns denken", sagt sie mit leichtem Dialekt, der ihre Herkunft aus Oberbayern verrät.
Dawanda ist ein sehr junges Unternehmen, Claudia Helming aber bereits ein alter Hase in der Internetbranche. Sie beendete ihr Studium, Französisch, Italienisch und Touristik, 1999 – in der ersten Hochzeit der New Economy. „Internet war das Revolutionärste, was seit meiner Geburt passiert ist“, sagt sie. „Ich fand das super spannend.“ Sie heuerte bei Lastminute.com an, einem Internet-Reiseportal – damals ein Fünf-Mann-Betrieb. Weil sie dank flacher Hierarchien in allen Bereichen arbeiten konnte, lernte sie dort viel Rüstzeug für ihre weitere Karriere.
Nach drei Jahren machte sie sich selbstständig, zog nach Berlin und beriet Internetunternehmen. Einer ihrer Kunden, die Schulfreunde-Community Passado, bot ihr die Möglichkeit, in London zu leben und zu arbeiten. Also fing sie dort fest an, kümmerte sich um die technische Weiterentwicklung und das Projektmanagement. Es folgte eine Zeit in Moskau, wo sie Michael Pütz kennenlernte, mit dem sie 2006 ihr eigenes Start-up gründete. „Ich dachte, ich muss erst mal was lernen, bevor ich so einen Schritt gehe“, sagt Helming. Rückwirkend findet sie, sie hätte Dawanda auch schon viel früher gründen können.
Helming ist niemand, der sich große Sorgen macht, was alles schieflaufen könnte. Sie mag Herausforderungen. Die Vorstellung, einen Job bis zur Rente zu führen, ist für sie ein Albtraum. „Ich glaube, ich empfinde Risiken generell nicht so wie andere“, sagt sie nachdenklich. Andererseits wirkt sie ziemlich bodenständig. Zur Jeans trägt sie eine Pünktchenbluse unter einem grauem V-Ausschnittpullover. Die blonden Haare sind ordentlich, fast schon brav gescheitelt. Sie wohnt auch nicht in einem der hippen Stadtteile im Osten Berlins, sondern im bürgerlichen Charlottenburg. „Das Internetbusiness ist auch sehr bodenständig geworden“, sagt Helming dazu. Weit weniger glamourös als rund um die Jahrtausendwende, dafür professioneller. Geblieben sind flache Hierarchien: Helming kommt auf ihrer Visitenkarte ohne den Zusatz „Geschäftsführerin“ aus.
Reich zu werden, dagegen hätte sie nichts, das sei aber nicht ihre primäre Motivation. Stattdessen will Helming individuelle Produkte groß machen. Zu erreichen, dass das Handgemachte einen höheren Stellenwert in der Konsumgesellschaft bekomme, das sei ihr Antrieb. „Das hat was von David gegen Goliath“, sagt Helming.