
MÜNCHEN. Bevor der Skandal Anfang Januar ans Licht kam, hat das Top-Management des indischen IT-Dienstleisters Satyam richtig Kasse gemacht. Neun Führungskräfte haben in den vergangenen sechs Monaten Aktien im Wert von 1,8 Mio. Dollar verkauft. Dies geht aus Unterlagen der Börse in Bombay hervor.
Insgesamt haben die Manager mehr als 260 000 Aktien ihres Unternehmens abgestoßen. Was auf den ersten Blick bescheiden aussieht, ist für indische Verhältnisse eine ganze Menge: Die Satyam-Manager verkauften in dem Zeitraum mehr Aktien, als die Führungskräfte aller anderen großen börsennotierten Gesellschaften in Indien zusammen. An der Spitze der Verkäufer stand Finanzvorstand V. Srinivas.
Der Manager sitzt derzeit ebenso im Gefängnis wie Satyam-Chef Ramalinga Raju. Satyam, das viertgrößte IT-Unternehmen des Landes, ist in einen der größten Bilanzskandale der Geschichte des Subkontinents verwickelt. Raju hatte in der vergangenen Woche eingeräumt, die Bilanz manipuliert zu haben. So sollen rund eine Mrd. Dollar, die in der Bilanz als Barmittel ausgewiesen wurden, gar nicht existieren. Satyam entwickelt Software und betreut die Computersysteme internationaler Großunternehmen.
Seit der Betrug an die Öffentlichkeit kam, ist der Aktienkurs der in Bombay notierten Papiere um mehr als 80 Prozent eingebrochen. Gestern zeigten sich Händler in Indien schockiert über die Insider-Verkäufe, der Wert verlor noch einmal sechs Prozent.
Am Wochenende hatte die indische Regierung bereits einen neuen Verwaltungsrat eingesetzt. Das Gremium hat gestern mit KPMG und Deloitte Touche Tohmatsu zwei neue Wirtschaftsprüfer bestellt, die nun die Bilanzen der Firma unter die Lupe nehmen sollen. Bislang hat Pricewaterhouse-Coopers die Bücher geprüft. Den Mitarbeitern des US-Konzerns waren die Betrügereien aber nicht aufgefallen. Gestern teilte Pricewaterhouse mit, den selbst testierten Abschlüssen sei nach den jüngsten Enthüllungen nicht mehr zu trauen.
Die meisten Analysten gehen davon aus, dass Satyam nicht untergeht und von der Regierung notfalls gestützt wird. Ziel sei es, das Vertrauen in die indische IT-Branche nicht weiter zu untergraben. Allerdings sei zu erwarten, dass viele Kunden bei Ablauf ihres Vertrags zu anderen Anbietern wechseln, meint Rüdiger Spies vom Beratungshaus IDC.
Der Satyam-Kunde Nestlé teilte gestern bereits mit, dass er sich nach Alternativen umschaue, falls die Inder den Betrieb einstellen müssten. Der Schweizer Lebensmittelkonzern ist einer der größten Kunden. Betroffen sind auch der Stahlhersteller Arcelor-Mittal, der Autoproduzent Nissan und die US-Bank Citigroup. Noch ist unklar, ob Satyam wirklich überleben wird oder am Ende die Zerschlagung steht. Eine Pleite oder gar der Komplettausfall wäre für die Kunden eine Katastrophe, da wichtige IT-Aufgaben bei dem Service-Anbieter angesiedelt sind.
IDC-Experte Spies rechnet damit, dass sich deutsche Kunden künftig genau überlegen werden, ob sie IT-Dienstleistungen aus Kostengründen in Niedriglohnländer verlagern: "Bislang haben sich Firmen um die langfristige Stabilität ihrer Outsourcing-Partner wenig Gedanken gemacht." In den vergangenen Jahren hätten viele Firmen ihre Aufträge meist einfach an den billigsten Anbieter vergeben.