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Johannes Sittard: Solo des Stahlmannes

Der deutsche Manager Johannes Sittard arbeitete über zwölf Jahren als rechte Hand von des indischen Stahl-Magnaten Lakshmi Mittal. Jetzt macht er sein Glück als Chef des Bergbauriesen ENRC.

Johannes Sittard, CEO des kasachischen Bergbaukonzerns ENRC. Foto: pr
Johannes Sittard, CEO des kasachischen Bergbaukonzerns ENRC. Foto: pr

LONDON. Johannes Sittard lebt in zwei Welten. Die eine ist London, Finanzmetropole und Zentrale der internationalen Rohstoffindustrie. Hier sitzt der humorvolle, weißhaarige Mann im Chefbüro einer dieser gediegenen Mini-Konzernzentralen, einer Büroetage im noblen Westend zwischen Herrenausstatter, Zigarrenladen und Weinbar.

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Die andere Welt ist Kasachstan, der wilde Osten der Bergbauindustrie. Hier beaufsichtigt Sittard für eine Gruppe schwerreicher Investoren ein Sammelsurium aus Ex-Kombinaten. Und das Ex sieht man vor Ort oft kaum - die Erzminen und Hütten betreiben noch heute ihre eigenen Farmen, Wurstfabriken, Kindergärten und Schulen.

In London kennt man den Deutschen gut: Er hat einen der erfolgreichsten Börsengänge der letzten Jahre hingelegt. ENRC heißt die Firma, der er vorsteht - in Langform Eurasian National Ressources Corp. Sie hat einen Börsenwert von 18 Mrd. Euro. Das ist deutlich mehr als etwa BMW oder Thyssen-Krupp. Aus einem Ausgabepreis von 540 Pence je Aktie wurde innerhalb von einem halben Jahr mehr als das Doppelte.

Sittard hat das nicht geschadet. "Die leitenden Angestellten haben im Zuge des Börsengangs Aktien bekommen", sagt er und lacht laut auf. "Ich kann also nicht klagen."

ENRC ist für den in Clausthal-Zellerfeld promovierten Metallurgen der Höhepunkt seiner Karriere. Und das nicht nur in finanzieller Hinsicht: Er ist auch zum ersten Mal der Chef. Und das war der Grund, warum er nach über zwölf Jahren als rechte Hand des Stahlmagnaten Lakshmi Mittal den Sprung zu ENRC wagte.

"Ich konnte Mister Mittal nicht überzeugen, Chairman zu werden und mir den Job als CEO zu geben, also musste ich gehen", sagt Sittard, wieder den Schalk im Nacken. "So einfach ist das." Ganz so einfach war es wohl doch nicht, immerhin hatte Sittard, zuletzt COO, seinen Anteil am Aufstieg des Stahltycoons. Doch eins war auch klar: Wenn Mittal senior bereit wäre, seine Machtfülle als Chairman und CEO des weltgrößten Stahlkonzerns aufzugeben, dann stünde Sohn Aditya Mittal als Nachfolger parat.

"Es war eine wunderbare Zeit bei Mittal", sagt Sittard im Rückblick, "aber es war auch hochinteressant, ENRC zu strukturieren und an die Börse zu bringen." Den neuen Arbeitgeber lernte Sittard schon 1995 kennen, als er für Mittal den Kauf des gewaltigen kasachischen Stahlkombinats Karmet verhandelte. Einer der heutigen Hauptaktionäre von ENRC, Patokh Chodiew, war damals der Vermittler und wollte die Stahlfirma gemeinsam mit Mittal betreiben.

"Aber Mittal will immer 100 Prozent", sagt Sittard. Damit das Geschäft trotzdem zustande kam, zahlte Mittal Chodiew 100 Mill. Dollar - eine Summe, die Sittard freimütig bestätigt. "Wir wollten keinen anderen Partner in dem Geschäft haben, also haben wir sie praktisch ausbezahlt."

Chodiew legte seine in der Privatisierungswelle der neunziger Jahre erworbene Rohstoffgruppe mit denen der Investoren Alexander Maschkewitsch und Alijan Ibragimow zu ENRC zusammen - und bat sechs Jahre später Sittard, als CEO den hochprofitablen Konzern mit mehr als 60 000 Beschäftigten und drei Milliarden Euro Umsatz erst in Form und dann an die Börse zu bringen.

Das ist vollbracht, doch Sittard ist noch nicht zufrieden. Im Frühjahr bemühte er sich um die Übernahme der zweiten großen kasachischen Rohstoffgruppe, Kazakhmys, ebenfalls in London notiert. Doch das Projekt "Nationaler Champion" misslang. Das Angebot war den Kazakhmys-Aktionären zu niedrig. Sittard bewahrt Ruhe. "Ob die Fusion zu einem späteren Zeitpunkt noch kommt, ist eine rein ökonomische Frage", sagt er. "Wir haben da keinen Druck, die Regierung hat sich vollkommen neutral verhalten."

Allerdings hat die Regierung vor kurzem ihren Anteil an ENRC auf gut elf Prozent reduziert und die Aktien an Kazakhmys weitergereicht. Der Konkurrent ist nun mit 22 Prozent größter ENRC-Aktionär. ENRC, weltweit größter Hersteller des Stahlvorprodukts Ferrochrom und sechstgrößter Eisenerzexporteur, ist an der Börse mehr als doppelt so viel Wert wie Kazakhmys. Doch nun könnte es mit Hilfe der Regierung andersherum gehen.

Sittard sieht das leidenschaftslos:"Wenn Kazakhmys genug Geld für ein vernünftiges Angebot hat, dann müssen sie meine Aktionäre fragen, ob sie verkaufen wollen. Man soll nie nie sagen."

Eigentlich wollte Sittard schon noch ein paar Jahre dabeibleiben, obwohl er im Herbst 65 wird. "Mein Vertrag läuft noch länger", sagt er. Das sieht er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Gerne hätte er mehr Zeit für die Familie und fürs Skifahren. Immerhin lässt sich jetzt auch in Kasachstan anständig Wintersport betreiben. "Da geht es über 3500 Meter hoch, und sie bauen gerade ein zweites Resort", erzählt er. Im Sommer ist er gerne am Wasser, zum Tauchen, Surfen und Segeln. "Leider war die Zeit in den letzten Jahren etwas knapp", bedauert er. Mit seiner Frau und einer Tochter lebt er seit 1995 in London; die andere Tochter ist in München.

Viel Zeit verbringt Sittard im Flugzeug, pendelnd zwischen den zwei Welten Kasachstan und London und Projekten anderswo in der Welt. "Es ist nicht leicht, Unternehmen in Kasachstan zu managen, doch Sittard macht das sehr gut", sagt Richard Sykes, Ex-Chairman des Pharmakonzerns Glaxo Smithkline. Er traf Sittard zum ersten Mal, als er als unabhängiger Direktor in den Verwaltungsrat von ENRC berufen wurde. "Er ist ein harter Verhandler, und ich schätze seine direkte, gradlinige Art", sagt Sykes. Die wird Sittard für die kommenden Jahre brauchen, um ENRC zu internationalisieren und den Kampf um die Vorherrschaft im kasachischen Bergbau zu gewinnen.

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