
DÜSSELDORF. Zum Journalismus kam Carolin Emcke einst durch "Spiegel"-Chef Stefan Aust. Der heute 64-Jährige ließ die junge Journalistin während eines Praktikums bei Spiegel TV gleich zwei Fernsehbeiträge machen. Es ging damals ums Robbensterben und um das Problem, dass die Robbenkadaver derart intensiv mit Schwermetallen verseucht waren, dass sie als Sondermüll "entsorgt" werden mussten. Ein guter, investigativer Einstieg in den Journalismus.
Am Montagabend wurde die freie Autorin im Berliner Historischen Museum als "Beste Journalistin 2010" ausgezeichnet. "Carolin Emcke hat 2010 durch ihre publizistischen Beiträge der gesellschaftlichen Debatte in Deutschland wichtige Impulse gegeben. Ihr ist es beispielhaft gelungen, Themen wie kulturelle Identität und gesellschaftliche Konfliktsituationen aus der nationalen Bauchnabelschau zu holen und in den notwendigen internationalen Kontext einzuordnen", hieß es in der Begründung der 70-köpfigen Jury.
Emcke hat sich als Reporterin, Essayistin und Buchautorin inzwischen einen Namen gemacht. Im vergangenen Jahr sorgte sie mit ihrem Essay "Liberaler Rassismus" in der Wochenzeitung "Die Zeit" und im "Zeit-Magazin" für Furore, aber auch mit Reportagen aus dem Irak und Europa. "Mehr als das Internet schreckt mich die zunehmende Neigung unserer Zunft, sich angstvoll mit sich selbst zu beschäftigen und darüber die Auseinandersetzung mit der Welt zu vernachlässigen", merkt Emcke gestern Abend in ihrer Dankesrede an. Die Auszeichnung für Carolin Emcke wurde auch als ein Votum für einen klaren gesellschaftspolitischen Standpunkt statt wohlfeiler postmoderner Beliebigkeit im Journalismus empfunden.
Die Jury zeichnete in der Kategorie "Chefredakteur des Jahres" Wolfgang Büchner von der Deutschen Presse-Agentur aus. Den Ehrenpreis "Lebenswerk" erhielt der langjährige Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" (SZ), Hans-Werner Kilz. "In wirtschaftlich schwierigen Zeiten hat er stets die redaktionelle Unabhängigkeit als oberstes Gebot verteidigt", hieß es in der Begründung. Sein Wirken setze Maßstäbe für die Branche, da er klassische Tugenden wie sorgfältige Recherche und schreiberisches Können mit Innovationsfreude zu verbinden wusste. Kilz leitete die "SZ" von 1996 bis Ende 2010. Von 1990 bis 1995 war er Chefredakteur des "Spiegels".
Als "Kulturjournalist des Jahres" wurde Frank Schirrmacher, Herausausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", ausgezeichnet. Der Autor des Bestsellers "Das Methusalem-Komplott" - der bereits vor sieben Jahren zum "Journalisten des Jahres" gewählt worden war - fiel in diesem Jahr vor allem durch seine Behandlung des Aufregers des Jahres auf. In mehreren Essays und einem beeindruckenden Interview hatte er sich mit Thilo Sarrazin und seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" auseinandergesetzt: kritisch, aber nicht denunzierend.
Als der Laudator anstelle der "Kategorie Kulturjournalist" irrtümlich von der "Kategorie Schirrmacher" sprach, war das ein Versprecher, der im Publikum als treffend und angemessen für diesen großen Journalisten empfunden wurde.
"Plädoyer für einen unberechenbaren Journalismus"
"Vor sieben Jahren veranstalteten Sie diese Preisverleihung in einem sehr kleinen Kreis, und zwar bei Sarah Wiener. An der Wand stand: ,Wir sind die Avantgarde des Genießens.? Heute laden Sie die Journalisten der Republik ins Deutsche Historische Museum ein. Als Inventar vielleicht schon einer untergehenden Berufsklasse? Ich weiß es nicht, aber etwas mulmig ist mir schon dabei. Wir können so tun, als sei alles beim Alten. Aber in Wahrheit erlebt unsere Branche die industrielle Revolution des Geistes, ihrer eigenen Arbeit, ihrer Prinzipien, ihrer Kategorien. Während wir hier sitzen als Journalisten, sitzen Facebook und Google daran, sich ganz genau - das machen nicht nur die Geheimdienste - die Revolution in Ägypten anzugucken, und zwar um herauszufinden, welche Parameter gab es, die uns künftig verraten, dass irgendwo ein "unrest", eine Unruhe, in der Gesellschaft ist.
Ich weiß nicht, was Google und Facebook über die Kommunikation von Menschen wissen. Ich glaube, wenn wir es wirklich wüssten, dann würde es uns hier reihenweise den Atem verschlagen. Im Augenblick tun sie all das nur für Zwecke, die harmlos sind, die nur dem Verkauf dienen. Aber das sind jetzt unsere Konkurrenten, auch unsere Gegner. Und die Antwort der Journalisten kann nur eine Form von Unberechenbarkeit als Prinzip sein. Die Messbarkeit von Information und die Verwertbarkeit solcher Artikel an Anzeigenkunden bedeuten eine Gefahr. Die Zeit war noch nie so gut, für einen unberechenbaren Journalismus zu plädieren."
Auszug aus der frei vorgetragenen Dankesrede von Frank Schirrmacher