
MAILAND. Den Arbeitern erneuerte er, erschrocken von den Zuständen, die Duschräume. Das Fiat-eigene Nobelrestaurant machte er dicht und ließ sich selbst in der Kantine blicken. Stets im blauen Pulli gekleidet galt er als Anti-Figur des klassischen Bosses. „Einen guten Kapitalisten“ nannte ihn der Erzkommunist Fausto Bertinotti. Doch nun ist die Liebebeziehung gestört. Vor allem in den Augen der linken Gewerkschaft Fiom – die Metallmechaniker der CGIL - hat sich Sergio Marchionne als Ausbeuter entpuppt. Vom Gewerkschaftsliebling zum Klassenfeind.
„Die Beziehungen zwischen Marchionne und den Gewerkschaften haben sich sicherlich verschlechtert“ sagt auch Tito Boeri, Wirtschaftsprofessor der Universität Bocconi. „Seine Bemerkung, dass die Arbeiter in Termini Imirese nur wegen des Fußball-Spiels von Italien gestreikt haben, hat da sicher nicht gerade geholfen“, sagt Boeri.
Was ist passiert? Sergio Marchionne will 700 Millionen Euro in das veraltete Werk in Pomigliano bei Neapel investieren und die Produktion des Kleinwagen Panda aus Polen nach Italien zurückholen. Aber im Gegenzug fordert er erhebliche Zugeständnisse von den Gewerkschaften: Mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten, weniger Abwesenheit und die Beschränkung des Streikrechts. Unter anderem sieht das Abkommen vor, dass das Krankengeld bei auffällig hohem Krankenstand bei Fußballspielen oder ähnlichen Anlässen für alle gestrichen wird.
Und gegen alle diese Punkte des Abkommens dürfen die Mitarbeiter nicht streiken. Auch das ist Teil der Abmachung. Vier der fünf Gewerkschaften, die die Fiat-Mitarbeiter vertreten, haben den neuen Regeln bereits zugestimmt. Die Gewerkschaft Fiom, die rund ein Fünftel der Angestellten vertritt, blockiert jedoch das Abkommen. Marchionne holt sich das Votum daher lieber direkt bei den Betroffenen ab: Er lässt am heutigen Dienstag per Referendum in der Fabrik direkt über das Abkommen abstimmen.
Nur wenn genug von ihnen den neuen Regeln zustimmen, macht er die Fabrik in Pomigliano nicht zu. Ein ungewöhnlicher Weg – und nicht im Sinne der Arbeitnehmervertreter. „Ein Referendum ist nicht möglich mit der Drohung der Werksschließung im Rücken“, kritisiert Fiom-Sekretär Enzo Masini. „Böse Zungen sagen, Marchionne hofft auf ein negatives Votum in Pomigliano, damit er die Fabrik schließen kann“, urteilt der Ökonom Boeri.
Marchionne lässt das kalt. „Ich kann ihnen eine Liste mit Ländern vorlegen, die gerne den Panda produzieren wollen“, sagt der Mann, der im vergangenen Jahr die Kontrolle des US-Unternehmens Chrysler übernommen hat und seine Autos schon heute weltweit produzieren lässt. „Ich kenne kein einziges anderes Unternehmen, das bereit, in der Lage und mutig genug ist, die Produktion aus Osteuropa zurück nach Italien zu verlagern“, ließ er wissen. Er sehnt sich auch in Italien eine gemeinsame Gewerkschaft als Ansprechpartner wie in den USA oder Deutschland und nicht mindestens fünf verschiedene.
Für die Empörung der Fiom hat der Manager, der selbst aus einfachen Verhältnissen stammt und im Alter von 14 Jahren mit seinen Eltern aus den Abruzzen nach Kanada ausgewandert ist, wenig Verständnis: „Das sind doch 30, 40, 50 Jahre alte Geschichten, wir reden hier immer noch vom Arbeitgeber („Padrone“) gegen den Arbeiter“.
Dass in Italien die Abwesenheit der Mitarbeiter überdurchschnittlich hoch ist, sei ein Fakt. Vor allem während wichtiger Ereignisse oder Feriennah häufen sich die Krankheitsfälle. Dass die Arbeiter in einem anderen gefährdeten Werk in Sizilien gerade am vergangenen Montag gestreikt haben, führt Marchionne klar auf das Fußballspiel Italien-Paraguay zurück. Noch so ein Affront, den die Fiom als „vulgär und provokativ“ verurteilt.
Aber mit Provokation hat Marchionne kein Problem. Der schroff auftretende Manager nimmt kein Blatt vor dem Mund, egal mit wem er spricht. Und beeinflussen lässt sich der Kettenraucher erst recht nicht. Die Menschen der Abruzzen sind bekannt für ihre Dickköpfigkeit. Das hat der Mann mit abgeschlossenen Jura und Philiosophiestudium und MBA bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche und als Chef des Aluminiumkonzerns Alusuisse gezeigt. Bei Fiat hatte er mit seinem Kurs bislang Erfolg. Auch US-Präsident Barack Obama konnte er bei Chrysler überzeugen. Jetzt sind die Menschen in Pomigliano bei Neapel dran.
Am Wochenende bekam Marchionne Unterstützung für seine Pläne, als am Samstag Abend mehrere Tausend Menschen in Pomigliano mit Kerzen für das Abkommen demonstriert haben. Um zu wissen, ob auch die Mitarbeiter auf seiner Seite stehen, muss er nun das Referendum abwarten. Die Exit Polls der Fiom laufen bereits: 40 Prozent dagegen. Ein Gewerkschaftsliebling?