
MünchenDie Verspätungen bei der Auslieferung der neuen ICE-Züge haben nun auch personelle Konsequenzen. Der Chef der Siemens-Sparte Hochgeschwindigkeits- und Regionalzüge, Ansgar Brockmeyer, muss nach Informationen des Handelsblatts (Donnerstagausgabe) aus Unternehmenskreisen überraschend seinen Posten räumen. Nachfolger wird zum 1. Februar Jürgen Wilder, derzeit Strategiechef des neuen Infrastruktur- und Städtesektors. Brockmeyer soll eine andere Aufgabe im Konzern übernehmen.
Die Problemtochter Nokia Siemens Networks besserte sich zuletzt. Nach verlustreichen Jahren verzeichnete der Netzwerkbauer zwei Quartale mit stabilen Umsätzen und Gewinn. Die beiden Mütter Siemens und Nokia wollen auf absehbare Zeit allerdings noch an ihren Anteilen festhalten, bis sich der jüngste Erfolg von NSN verstetigt hat.
Siemens verschenkt die große Mehrheit seiner Leuchtmittel-Tochter an die eigenen Aktionäre. Gut 80 Prozent sollen die Eigentümer behalten, der Rest bleibt bei der Mutter und deren Pensionsfonds. Siemens will in das Lampengeschäft nicht mehr investieren, Pläne für einen IPO waren gescheitert. Osram steckt selbst in der Sanierung, zunächst soll es keine Dividende geben. Zwischen 7300 und 8000 Stellen sollen weltweit abgebaut werden, einige Standorte geschlossen werden. Die Börsennotierung ist für den weiteren Jahresverlauf geplant. Osram macht einen Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr wegen der Sanierungskosten Verlust.
Der Sektor hat dem Vorstand im vergangenen Jahr wohl im vergangenen Jahr den meisten Kummer bereitet. Siemens verpatzte den rechtzeitigen Anschluss von Windparks in der Nordsee und musste eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen. Zudem drückt verstärkt asiatische Konkurrenz auf den Markt für Transformatoren. Siemens reagierte auf den wachsenden Preisdruck mit dem Abbau Tausender Stellen.
Nach Löschers Ansicht wirft das Geschäft mit Sortieranlagen für Postzentren und Flughäfen mit einer Rendite um die fünf Prozent bei Jahresumsätzen von 900 Millionen Euro zu wenig ab. Der Konzern sucht nun nach einem Käufer für das Segment, rund 3600 Mitarbeiter sind betroffen.
Ein ähnliches Schicksal wie die Sortieranlagen-Sparte trifft auch die Wasseraufbereitungstechnik. Als Ausrüster von Wasserwerken setzt Siemens zwar rund eine Milliarde Euro um, unter dem Strich bleibt allerdings nur ein einstelliger Millionenbetrag hängen. Die Einheit soll verkauft werden.
Der Ausflug in die Solarenergie-Technik erwies sich für die Münchner als teurer Flop. Mit dem Kauf der israelischen Solel für 418 Millionen Dollar und dem Erwerb von Anteilen an der italienischen Archimede wollte Siemens bei der solarthermischen Stromerzeugung mitmischen. Der Markt etablierte sich nie, Solel machte mehr Verlust als Umsatz. Die Anteile an Archimede hat Siemens bereits zurückgegeben, für Solel wird ein Abnehmer gesucht.
Das Geschäft mit Computerprogrammen für die Industrie hat Siemens in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Im Frühjahr kommt für 680 Millionen Euro die belgische LMS hinzu. Insgesamt elf solcher Softwareschmieden hat Siemens für insgesamt mehr als vier Milliarden Euro gekauft.
Damit greift Siemens-Chef Peter Löscher angesichts der Verzögerungen bei der ICE-Auslieferung nun auch personell durch. Siemens hatte die Verspätungen zwar vor allem auf die komplizierte Zulassung beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zurückgeführt. Bei der Hauptversammlung vor wenigen Tagen räumte Löscher aber auch ein: „Wir haben da unseren Teil der Verantwortung.“
Im vergangenen Jahr klang das noch ganz anders: Damals sah sich Siemens-Chef Peter Löscher nach dem geplatzten Liefertermin für acht neue ICE-Züge nicht als Sündenbock für mögliche Probleme im Winterfahrplan der Bahn. „Wir lassen niemanden im Stich. Unseren Kunden Deutsche Bahn nicht und nicht deren Fahrgäste“, sagte Löscher der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Siemens habe der Bahn ein umfangreiches Winterpaket angeboten. „100-Service-Techniker stehen jederzeit bereit, um Probleme der ICE-Flotte jederzeit beheben zu können.“
2011/2012, in Mrd. Euro
Siemens hatte Ende November 2012 erklärt, dass acht neue ICE 3 des Typs Velaro wegen Software-Problemen nicht wie geplant eingesetzt werden können und dafür scharfe Kritik von der Bahn geerntet. Fernverkehrschef Berthold Huber warf Siemens vor, die Bahnkunden im Stich zu lassen. Auch Bahnchef Rüdiger Grube beschwerte sich öffentlich über die Lieferqualität von Siemens.
An diesem Donnerstag sollen die Probleme bei der Zulassung bei einem Spitzentreffen von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, Bahn-Chef Rüdiger Grube, EBA-Chef Gerald Hörster und Vertretern der Bahnindustrie erörtert werden. Die Runde soll Entscheidungen treffen zur Beschleunigung und Vereinfachung der Zulassungsverfahren.
Mit Material von dpa und Reuters

Ob dieser Personalwechsel gut durchdacht war?
Früher hatte die Bahn hohe eigene technische Kompetenz. Die wurde in den vergangenen Jahren erheblich abgebaut (auch dank Hrn. Mehdorn und seinem Börsengang-Wunsch) und von den Zulieferen sukzessive mühevoll aufgebaut.
Dazwischen funken noch Zulassungsbeamte, deren Kompetenz man mit denen von TÜV und DEKRA bei der PKW-Untersuchung durchaus vergleichen kann: Abklopfen und Knöpfchen-Drücken sind da schon als höhere Mathematik zu werten. Und kaum nachvollziehbare Entscheidungen nicht unüblich.
Und dann feuert Siemens einen international hoch anerkannten Ingenieur und langjährig erfolgreichen Manager dieser diffizilen Branche?
Das nenne ich ein typisches Bauernopfer.
Die nächste Verspätung seitens Siemens kommt bestimmt - wenn man so mit seinen Human Resources umgeht.
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