
Frankfurt/Düsseldorf„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, hat einst Udo Jürgens gesungen. Und es mag viel Wahres dran sein, an dem Schlagertext. Doch was ist 33 Jahre später?
Berthold Beitz ist heute 99 Jahre alt geworden - 59 davon verbrachte er bislang im Dienste von Krupp. Anlass genug, die Erfolge, den Mut und die Zivilcourage dieses außergewöhnlichen Mannes zu würdigen. Beitz selbst jedoch sträubt sich gegen verklärende Blicke in die Vergangenheit, redet nicht gern darüber, dass er während der Nazi-Diktatur in Galizien Tausende von Juden vor dem Tod bewahrte. Oder darüber, dass er in den 1970er-Jahren als Generalbevollmächtigter den Konzern rettete, indem er den Staat Iran in den Aktionärskreis holte.
Der Blick muss sich nach vorn richten - das gebietet seine Rolle. Der Jubilar ist Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, der 25,3 Prozent an Thyssen-Krupp gehören, somit einer der mächtigsten Manager in der deutschen Wirtschaft. Und Thyssen-Krupp ist eines der kränksten Unternehmen im Dax.
Keine Frage: Der Ankerinvestor, die Stiftung, ist gefordert - und mit ihr Berthold Beitz, der Verwalter des Krupp-Erbes. Dieses zu schützen, das hatte er dem letzten Krupp, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, einst versprochen.
Berthold Beitz hat nicht nur den Krupp-Konzern umgewandelt und deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sondern ist vor allem eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit. Der Historiker Joachim Käppner hat eine Biografie über Beitz geschrieben, die dessen Leben umfangreich aufarbeitet. Es folgt eine Zusammenfassung.
Berthold Beitz wird am 26. September 1913 in Zemmin in Pommern geboren. Mutter Erna ist Kindermädchen, Vater Erdmann spielt im Militärorchester Trompete. Als Berthold ein Jahr alt ist, reitet der Vater mit Lanze und Gewehr in den Krieg. Er sieht seinen Sohn nur während der kurzen Fronturlaube. Im September 1916 kommt das zweite Kind der Familie zur Welt, Brunhild.
Nach dem Krieg zieht die Familie nach Demmin. Erdmann findet Arbeit im Finanzamt. Es folgen weitere Umzüge 1920 und 1925, als die Familie im schönen Greifswald landet. Berthold ist ein recht fauler Schüler, der sogar einmal sitzen bleibt. Obwohl der Vater dies nicht gern sieht, haben sie ein gutes Verhältnis.
Berthold ist mit seinem kurzen, blonden Haar und den klaren Gesichtszügen der Schwarm der Mädchen. Zudem hat er viele Freunde. Einer der besten in Karl-Heinz Bendt, der ihn wie viele andere „Bobby“ ruft. Sie werden sich in einer lebensbedrohlichen Situation im Kriege wieder sehen.
Vater Erdmann gehört zwar dem rechtskonservativen Bund „Stahlhelm“ an und kann mit der Weimarer Republik nichts anfangen, aber er wird wie später auch Berthold nie Mitglied der NSDAP. Die ist ihnen zu brutal und radikal. Berthold Beitz ist 19 Jahre als, als die Nazis an die Macht kommen. Er hat sich laut eigener Aussage „nicht darum gekümmert“. Wichtiger als die politische Entwicklung ist Berthold Beitz sein Abitur, das er 1934 ablegt – ohne zu glänzen.
Der junge Mann würde gern Medizin studieren, doch nach dem Börsencrash 1929 fehlen der Familie die finanziellen Mittel, da im Zuge dessen die Gehälter gesunken sind. Also heißt es Geld verdienen und das tut Berthold Beitz von 1934 an dank der guten Verbindungen des Vaters in der Zentrale der Pommerschen Bank in Stralsund. Für 30 Mark im Monat beginnt er seufzend eine Banklehre.
Der Job ist langweilig, aber das Privatleben spaßig. Berthold Beitz ist ein fröhlicher junger Mann, der das Leben genießt. Am liebsten hört er Jazzplatten. Die Fahrten ins leicht zu erreichende Berlin werden zum Highlight. Hier hat er eine Freundin und hier gibt es richtige Jazzclubs, vor allem das „Delphi“.
Zudem tritt Beitz in den Stralsunder Ruderverein ein, dem Mittelpunkt des damaligen Bürgertums. Er überzeugt sich sein sicheres, lässiges Auftreten und seine Ruderfähigkeiten. Der Clubversitzende Osthoff wird auf ihn aufmerksam und sein Förderer. Allerdings unter einer Bedingung: Beitz dürfe nicht rauchen, was er auch nie tat.
1937 beginnt der Ernst des Lebens so richtig: Seine Vorgesetzten sind von dem 25-Jährigen so angetan, dass sie ihn befördern. Dank seiner zupackenden Art wird Beitz stellvertretender Leiter der Filiale in Demmin. Angesichts seiner Herkunft ist allein dies schon ein viel versprechender Aufstieg. Beitz hat große Pläne: Ihn reizt die große Welt, Pommern ist ihm zu klein geworden. Er will nach New York oder Brasilien oder China. Doch seine Mutter stoppt den Drang, schließlich ist er der einzige Sohn und müsse daher in Deutschland bleiben.
Anfang 1938 wird Beitz zum Vorstellungsgespräch bei der Rhenania Ossag Mineralölwerke eingeladen, einer Tochter von Royal Dutch Shell. Im Mai 1938 zieht er schließlich nach Hamburg, seinem „Tor zur Welt“ und wird kaufmännischer Angestellter in der Revisionsabteilung der Deutschen Shell.
Und hier begegnet Beitz seiner großen Liebe. Die blonde Kollegin heißt Else Hochlein und ist damals gerade einmal 18 Jahre alt, also sieben Jahre jünger als Berthold. Kennengelernt haben sich die beiden beim Tennis. Sie werden jahrzehntelang ein Paar bleiben.
Beitz hat dieser Aufgabe sein Leben gewidmet. Wie ernst er sie nimmt, zeigte sich im vergangenen Dezember, als er den langjährigen Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz aus seinem engsten Kreis verstieß. „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn persönlich sehr schätze, dass ich mich aber vor allem Alfried Krupp verpflichtet fühle“, sagte Beitz damals.
Offiziell wollte er damit lediglich der öffentlichen Kritik an der Konzernführung wegen des Desasters in Brasilien ein Ende setzen. Doch die eigentliche Ursache wiegt schwerer: Beitz sah sich von Schulz wegen der Kostenexplosion beim Bau des neuen Stahlwerks getäuscht.

Berthold Beitz ist zu bewundern, hätte nur mein Vater damals auf seine weisen Ratschläge gehört, manches wäre dann sicherlich auch für mich, anders gekommen!

Soweit ich mich erinnere, steht in Beitz' Biografie, dass er von vorne herein gegen das Abenteuer "Stahlwerk im Nirwana" Südamerikas war. Er hatte Recht, wollte aber wohl nicht brachial werden. Die Ober-Pfeife Schulz hätte nach seinen ersten Goofy-Leistungen flugs an die Luft gesetzt gehört, bevor diese Person-gewordene Unfähigkeit den grossen Schaden hätte anrichten können . Schulz hat alles versaubeutelt.

Die Ueberschrift "99 Jahre - und kein bisschen leise" mag Ihnen sehr originell vorkommen. Ich muss Sie aber warnen: Der Journalist Uwe Kopf hat schon vor mehr als 15 Jahren im Rahmen seines (ergebnislosen) Kampfes gegen die Floskel geschrieben: "Wenn noch einmal ein Redakteur schreibt, jemand sei so und so alt und kein bisschen leise, dann toete ich den Redakteur". Fuerchten Sie Kopf!
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