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Tim Armstrong wechselt: Ein Googelaner soll AOL retten

Tim Armstrong heißt der neue CEO von AOL. Sein Weggang bei Google hinterlässt eine tiefe Lücke in der heilen Welt des Suchmaschinen-Giganten - bei Time Warner nährt er die Hoffnung, die verfahrene Situation bei AOL irgenwie lösen zu können.

von Christine Mattauch
Wechselt von Google zu AOL: Tim Armstrong. Quelle: ap
Wechselt von Google zu AOL: Tim Armstrong. Quelle: ap

NEW YORK. Es ist ein Schritt, der Google erschüttert. Da gibt es einen Manager, der es weit gebracht hat, ein charismatischer Evangelist, 1,90 Meter lang, entsapnnter Gang, jungenhaftes Lächeln. Er sitzt an einer der Schaltstellen des Web-Konzerns. Knall auf Fall verkündete er in der Nacht zu Freitag seinen Ausstieg bei Google, dem Unternehmen, das nach Meinung vieler seiner Angestellten der Traumarbeitgeber ist. Doch jener Aussteiger geht nicht, um ein eigenes Unternehmen zu gründen - was die einzig verzeihliche Ausrede wäre. Nein, er geht zu einer abgehalfterten Alt-Marke des Web. So etwas ist für viele Googelaner Majestätsbeleidigung.

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Der das gewagt hat heißt Tim Armstrong, war bisher Chef des US-Anzeigenbereichs und somit in der zweiten Führungsebene der Suchmaschine. Bald schon wird er CEO des Web-Portals AOL, einer Tochter von Time Warner. Bis zuletzt soll Google-CEO Eric Schmidt um den 38-Jährigen gekämpft haben. Als klar war, dass er verloren hatte, gab er ein Statement des Bedauerns ab: "Tim war die entscheidende Kraft für unser Werbegeschäft. Wir sind traurig, dass er geht. Er ist einer der kreativsten, lustigsten und respektiertesten Köpfe der Branche, und wir haben unheimlich gern mit ihm zusammengearbeitet."

Bei Google reisst der Abschied eine Lücke - bei Time Warner nährt sie Hoffnung, die verfahrene Situation bei AOL irgenwie lösen zu können. Gegen den bisherigen AOL-CEO Randy Falco, einen TV-Mann, der 2006 vom Sender NBC kam und nie ein Gefühl für das Online-Geschäft entwickelte, hatte sich schon länger eine Front gebildet. Time-Warner-CEO Jeff Bewkes fordert von Armstrong, er solle eine "optimale Struktur" für AOL finden. Eine Herausforderung: Seit ihrer Fusion im Jahr 2000 haben AOL und Time Warner nie richtig zusammengefunden.

Von einem der größten Online-Zugangsanbieter der Welt schrumpfte sich AOL zu einer dahintreibenden Mischung aus US-Netzzugang und werbefinanzierten Web-Portal. Allein im vierten Quartal 2008 gingen die Einnahmen um 23 Prozent auf rund eine Milliarde Dollar zurück. Der Verschleiss an Führungskräften ist enorm, die Stelle des Anzeigenverkaufsleiters etwa wurde 2008 zweimal neu besetzt. Geholfen hat ebenfalls nicht der schlecht vorbereitete Kauf des Social Networks Bebo für viel zu hohe 850 Millionen Dollar.

Angesichts dieser Probleme halten manche den Wechsel Armstrongs für einen Fehler: "Er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank", schnoddert das Technikmagazin "Wired". "AOL hatte in letzter Zeit vielleicht nicht den besten Ruf, aber es ist eine weltbekannte Marke", sagt der Angegriffene der "New York Times": "Ich kann dort eigenverantwortlich agieren und die Firma nach vorne führen." Der Vater von drei Kindern stieß 2000 zu Google. Er baute das Anzeigengeschäft stetig aus und diversifizierte es. Davor arbeitete er bei verschiedenen Start-ups wie Snowball.com, das Inhalte für Jugend-Webseiten bereitstellte.

Sein Privatleben wird jetzt wohl entspannter verlaufen: Seine Familie lebt in Connecticut - weit näher am Time-Warner-Sitz New York als das Silicon Valley. Der studierte Soziologe und Ökonom hat außerdem ein kleines Hobby: Er investiert in das New Yorker Start-up namens Patch, das den Lokaljournalismus neu erfinden will.

Und wer wird Armstrong bei Google ersetzen? Die besten Chancen hat David Rosenblatt. Er war früher Chef der Online-Marketingfirma Doubleclick, die Google vor einem Jahr übernahm, und verantwortet heute die Produktstrategie im Werbebereich. "Wenn er den Job von Armstrong nicht kriegt, verlässt er Google", meint Peter Kafka vom "Wall Street Journal"-Blog AllthingsD. Und zu einem doppelten Aderlass in der wichtigen Anzeigenabteilung wird es Schmidt wohl kaum kommen lassen.

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