Kommentar zu Volkswagen
Mehr Fragen als Antworten bei VW

Aus der Innensicht ist die Berufung von Hans Dieter Pötsch zum Chefaufseher von VW ein smarter Zug. Doch von außen betrachtet wirft die Personalie neue Fragen auf: Wer ist jetzt der starke Mann im Konzern? Ein Kommentar.
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DüsseldorfDie Berufung von Hans Dieter Pötsch zum neuen Aufsichtsratschef von Volkswagen ist ein smarter Schachzug aus Sicht des Konzerns. Denn Pötsch ist ein anerkannter Fachmann, einer der besten Finanzchefs im Dax, der auch noch einen guten strategischen Blick hat. Außerdem war seine Zeit im Vorstand im Alter von 64 Jahren so gut wie abgelaufen und er hat sich große Verdienste bei der Entschuldung der Porsche SE erworben, nachdem sie sich an der Übernahme von VW verhoben hatte. Das haben offensichtlich auch die Familien Porsche und Piëch erkannt, aus deren Mitte sich keiner an die Spitze des Gremiums wagte, was für einen Eigentümer eigentlich ein Armutszeugnis ist.

Doch von außen betrachtet ist die Berufung von Pötsch nicht sehr smart, weil sie unweigerlich zu neuen Spekulationen führt. Denn es ist keine Personalie, bei der schon anhand des Namens deutlich wird: Das ist der neue starke Mann von Volkswagen.

Ganz im Gegenteil. Pötsch ist ein langjähriger Weggefährte von Martin Winterkorn, dem gerade frisch erstarkten VW-Vorstandschef, dessen Vertrag gerade bis 2018 verlängert wurde. Die beiden arbeiten seit Jahren weitgehend harmonisch zusammen. Man kann davon ausgehen, dass es genauso weitergehen wird.

Aber Winterkorn wird damit künftig von seinem bisherigen Vize kontrolliert. Eine Situation, die dem Machtmenschen an der Spitze des Konzernvorstands gar nicht schmecken dürfte. Das führt zu mehr Fragen als Antworten: Hält der jüngere Pötsch womöglich den Aufsichtsratschefsessel nur warm, bis der ältere Winterkorn übernimmt? Oder ist mit Pötsch an der Aufsichtsratsspitze die Zeit von Winterkorn spätestens 2018, wenn sein Vertrag endet, endgültig abgelaufen?

Für letzteres spricht, dass offenbar auch Ferdinand Piëch, Ex-Aufsichtsratschef und seit einigen Monaten Intimfeind von Winterkorn, für die Berufung von Pötsch gestimmt hat. Einige im Konzern erwarten immer noch eine Rache des Patriarchen nach dessen ruhmlosem Abgang im April.

Mit solchen Spekulationen wird VW nun so lange konfrontiert werden, bis der Konzern endgültig Klarheit schafft, wie es an den Spitzen des Konzerns dauerhaft weitergeht.

Pötschs vordringliche Aufgabe muss es deshalb sein, einen geeigneten Nachfolger für Winterkorn zu finden. Das klingt paradox, da Winterkorns Vertrag gerade erst verlängert worden ist. Doch der Konzernchef hat damit vor allem die nötige Ruhe und Rückendeckung für den anstehenden Umbau von Volkswagen bekommen. Dass Winterkorn seinen Vertrag bis 2018 tatsächlich erfüllen wird, bleibt zumindest fraglich.

Man wünscht Volkswagen, immerhin der wichtigste Industriekonzern des Landes, dass endlich Ruhe in die Führungsdiskussion einkehrt. Das Unternehmen hat es selbst in der Hand.

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte

Kommentare zu " Kommentar zu Volkswagen: Mehr Fragen als Antworten bei VW"

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  • Ich glaube, da irren Sie sich, Herr Brower-Rabinowitsch. Herr Piech ist nicht leicht zu durchschauen,aber eines weis man über ihn: Er ist nicht emotional und Rache (alleine) nicht sein Metier. Er wird immer das Wohl des Konzern voran stellen.

    Fakt ist: Herr Winterkorn ist und bleibt der starke Mann im Konzern. Jetzt erst recht. Herr Pirsch wird als Interims-AR-Chef formal den Nachfolger von Herrn Winterkorn suchen (falls dieser nicht schon längst im Konzern aufgebaut wird) und das ganz im Sinne des künftigen AR-Vorsitzenden Prof. Winterkorn.

  • Ein "Mangel an klarer sozialer Struktur, der einen nachweislichen pathogenen Einfluß auf die weitere Lebensgeschichte hat" (Spitzer: Geist im Netz, Heidelberg, 1996, S. 330), tritt allein dann ein, wenn Dritte längst unabweisbar auf dem Tisch liegende Erkenntnisse auf gleich welchen Gebieten relativieren. Klarheit herrscht somit vorausgehend stets. Sie muss nicht von Menschenhand erst noch hergestellt werden. Vielmehr gilt es, die besagte und ohnehin schon zivilrechtlich strikt verbotene Eigenmacht enden zu lassen.

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