Komponist und Musikproduzent Leslie Mandoki
„Der Verrückte aus Tutzing“

Leslie Mandoki wurde mit Dschinghis Khan bekannt. Heute macht er als Komponist und Musikproduzent von sich reden.

HB TUTZING. Hier herrscht das Chaos. Auf dem Boden, auf der Theke, auf dem Schreibtisch, in den Regalen – überall liegen Papiere, Broschüren und stapelweise CDs. Der große Raum ist weniger ein Büro als eine wilde Mischung aus Bar, Wohnzimmer, Hobbyraum und Wintergarten.

So wenig wie sein Arbeitszimmer passt Leslie Mandoki in ein Schema. Er sitzt auf einem ramponierten Ledersofa, das wie er mit seinem langen Zottelhaar und seinem struppigen Schnauzbart aus einer Studentenbude der wilden siebziger Jahre stammen könnte. Dazu passen aber nicht die Trophäen des Erfolgreichen, die goldenen Schallplatten, mit denen die Wände vom Eingang bis zu seinem Büro tapeziert sind.

Mandoki lässt sich schwer einordnen. Er war mal Frontsänger der Kommerzpop-Gruppe Dschinghis Khan, er ist Musikproduzent und heißer Verfechter politischer Freiheiten. Mit seinem Freund Laszlo Bencker hat er in Tutzing am Starnberger See die „Park Studios“ aufgebaut, eines der größten unabhängigen Musikstudios in Deutschland. Hier hat er mit Newcomern wie den No Angels und Altstars wie Phil Collins und Peter Maffay produziert.

„Normalerweise bin ich um diese Zeit im Studio“, plaudert Mandoki an diesem späten Vormittag. Entweder sitzt er am Schlagzeug oder am Mischpult. Aber jetzt redet er im Büro von seinem neuesten Projekt „Soulmates“. Er rutscht auf dem Sofa nach vorne und sprudelt los in einem Deutsch, mit einer eigenwilligen Färbung aus Ungarisch, Bayerisch und Englisch.

„Wir werden Soulmates jetzt international vermarkten“, verkündet er. „Im Herbst spielen wir in den USA und Anfang nächsten Jahres gehen wir auf Deutschland-Tour.“ Wir, das sind alte Rockgrößen wie Ian Anderson (Jethro Tull) und Jazzstars wie Gitarrist Al Di Meola. Mit ihnen hat Mandoki seine Idee von Musik verwirklicht: Stücke in Jazzrock-Manier als Reminiszenz an die rebellischen Siebziger, aufgenommen mit alter Analogtechnik. Das passt nicht in die aktuellen Musikströmungen, die auf der Kölner Branchenmesse Popkomm ab Donnerstag im Mittelpunkt stehen.

Viele in der Branche haben das Projekt zum Scheitern verurteilt und nur als weitere Spinnerei „des Verrückten aus Tutzing“ abgetan. Doch Mandoki blieb dickköpfig und verkaufte bis heute fast 100 000 CDs in Deutschland.

Er lässt sich ohnehin nicht von einer Sache abbringen, von der er einmal überzeugt ist, auch bei politischen Themen nicht. Da kann sich Mandoki, der gerne und lange redet, ereifern. Die Bundesregierung („mit einem Laienschauspieler als Kanzler“) bekommt ihr Fett weg, weil sie „vor allem die Krise unseres Landes nicht zu lösen vermag“. Und der gebürtige Ungar fordert, dass integrationsunwillige Ausländer dazu gebracht werden sollten, die deutsche Sprache und Geschichte zu lernen.

Ist er nun ein Rechter oder ein Linker? „Ich kämpfe für eine freiere und gerechtere Welt. Das passt nicht in ein überholtes Links- Rechts-Schema“, kommt es prompt.

So einer wie er muss bei einem kommunistischen Regime anecken. Er entgeht dem Zuchthaus in Ungarn 1975 nur durch seine Flucht mit Freunden in den Westen und muss ganz von vorne anfangen. Der gelernte Jazz-Schlagzeuger tingelt mit seinem Freund Laszlo Bencker durch Table-Dance-Bars, spielt auf Jazzfestivals, schlägt sich als Studiomusiker durch – und lässt sich von Produzent Ralph Siegel für die Popgruppe „Dschinghis Khan“ engagieren, weil sich das gut verkauft.

Ein Fehler? Er habe sich „häufig genug als Teil einer sozialpornographischen Show empfunden“, sagt er heute, der selbst mal die No Angels produziert hat. Aber nicht nur sein Image als Jazzmusiker hat damals gelitten, auch finanziell hat ihm der Ausflug wenig gebracht. Er habe viel über das Geschäft gelernt, will er der Zeit etwas Gutes abgewinnen.

Mit diesen Erfahrungen baut er ein Studio auf, zuerst in einem Keller in München, später in einem Villenviertel von Tutzing, um in Deutschland Musik nach internationalem Qualitätsmaßstab zu produzieren. Er hat es geschafft. Heute sieht er sich als kreativer Kopf seiner Firmen. Dazu gehören die „Park Studios“, die Produktionsfirma Redrock Productions und das Musiklabel „Paroli“. Etwa 20 Leute arbeiten auf dem Hügel über dem Örtchen Tutzing am Starnberger See. Über Zahlen spricht der sonst so Redselige, der am See eine schicke Villa sein eigen nennt, nicht so gerne.

Seine Leistung wird in der Branche anerkannt. Aber „er sei ein guter Selbstdarsteller, der sich sehr gut vermarkten kann“, kritisiert einer, der ihn schon lange kennt, aber inkognito bleiben will.

Mandoki muss sich einiges einfallen lassen, um seine Unabhängigkeit zu verteidigen und nicht das Schicksal anderer Studios zu erleiden, die vom Markt verschwunden sind. Denn der Druck von Musikkonzernen wie Sony Music und BMG ist groß. So sammelt er Geld in einem Investmentfonds, um neue Produktionen zu finanzieren. Er versucht, Newcomer wie Masha, die Tochter von TV-Star Frank Elstner, aufzubauen, und nutzt seine Kontakte in die internationale Musikszene.

Am liebsten würde er mehr eigene Projekte wie Soulmates auf die Beine stellen, erzählt er auf der Terrasse seines Büros, während hinter ihm die Alpenkette im Sonnenlicht erstrahlt. Aber ohne Kommerz läuft das Geschäft nun mal nicht.

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