Kontrollen im Büro
Der Chef sieht alles

Telefonieren, surfen, mailen – bei privaten Dingen in der Arbeitszeit sind Firmen immer weniger tolerant. Fast jedes zweite Unternehmen kontrolliert einer Randstad-Umfrage mittlerweile die Aktivitäten seiner Mitarbeiter. Selbst Top-Managern kann Liebesgeflüster aus dem Büro zum Verhängnis werden.

DÜSSELDORF. Der Vorwurf wirkte lächerlich: Wegen ein paar privater Mails und Telefonaten vom Büro aus sollte Top-Managerin Wilhelmine Goldmann rausfliegen. Die österreichische Bahndirektorin hatte sich ehrenamtlich für die gemeinnützige Opernwerkstatt engagiert. Und das während einiger ihrer vielen, vermutlich kaum extra bezahlten Überstunden.

Plötzlich kam die harsche Anschuldigung: Die 58-Jährige habe 1 500 Euro an Betriebsmitteln für private Angelegenheiten missbraucht. Als Vorstand der Personenverkehrs AG der Österreichischen Bundesbahnen habe sie „uneingeschränktes Vorbild“ zu sein und somit gegen die Corporate-Governance-Regeln des Hauses verstoßen, hieß es. Die angedrohte Kündigung blieb ihr erspart: Sie kam, wie sich vor wenigen Tagen herausstellte, mit einem blauen Auge davon. Und zwar mit einem Verweis des Aufsichtsrats. Der Fall machte Schlagzeilen – auch über die Landesgrenzen hinaus. Inwieweit dürfen Manager wie Mitarbeiter am Arbeitsplatz privat mailen, telefonieren oder im Internet surfen?

Dass selbst Top-Managern privater Mailverkehr im Büro zum Verhängnis werden kann, bekam auch Harry Stonecipher zu spüren. Wenngleich auf ganz andere Weise: Den Boeing-Chef kosteten seine Liebes-Mails an eine Mitarbeiterin die Karriere. Der Trend ist eindeutig: Bei Privatdingen am Arbeitsplatz zeigen Firmen immer weniger Toleranz. Schon gar nicht, wenn jemand – ob gerechtfertigt oder nicht – auf der Abschussliste steht. Dann kommt jeder noch so kleine Anlass gerade recht, um den Star von gestern heute zum Teufel zu jagen.

Bei den niedrigeren Chargen geht es denn auch eher um die Verschwendung der Ressource Arbeitszeit: Jedes dritte Unternehmen hier zu Lande verbietet seinen Mitarbeitern privates Surfen und Mailen im Dienst. Nur knapp 16 Prozent erlauben dies. Jede zweite Firma duldet es in Maßen. Das zeigt eine Befragung von 304 Personalentscheidern durch die Zeitarbeitsfirma Randstad mit dem Handelsblatt und Innofact.

Das Problem: „Die meisten Firmen haben keine Regeln zum privaten Surfen und Mailen. Das macht die Sache im Streitfall rechtlich schwierig“, weiß Marie-Luise Kauffmann-Lauven, Arbeitsrechtlerin der Kanzlei CMS Hasche Sigle. „Denn sind Arbeitnehmer erst mal daran gewöhnt, privat surfen und mailen zu dürfen, gilt das fast schon als betriebliche Übung.“ So spricht das Landesarbeitsgericht Köln von „einer sozialtypischen Erscheinung, die zum normalen Arbeitsleben“ gehört. Das Bundesarbeitsgericht meint: Wer bis zu 100 Stunden im Jahr privat surft – etwa eine halbe Stunde pro Arbeitstag – dem kann nicht ohne vorherige Abmahnung gekündigt werden. Juristin Kauffmann-Lauven rät Unternehmen auch um des besseren Betriebsklimas willen, ihren Mitarbeitern das Surfen im Netz in den Pausen zu erlauben.

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