Kopper und Zetsche
Der Junker und der Junge

Hilmar Kopper als einer der letzten Granden der Deutschland AG und Dieter Zetsche als Künder einer neuen Ära. Die beiden so unterschiedlichen Männer trafen auf der Hauptversammlung von Daimler-Chrysler zusammen – und hatten sich doch nichts zu sagen.

BERLIN. Als der Aktionär Manfred Klein um kurz nach elf als Erster akustisch randaliert, tut er dem Vorsitzenden einen großen Gefallen. „Das ist ein Verlangen, kein Wunsch!“ brüllt Klein gen Podium. Hilmar Kopper blickt kurz über die Lesebrille, dann sagt er ruhig wie ein Löwe, der aus dem Mittagsschlaf erwacht: „Dann müssen wir alle hier ein wenig länger sitzen.“ Der Aktionär bekommt sein Recht: Die komplette Tagesordnung wird verlesen.

Hilmar Kopper hat in seinem Leben über 60 Aufsichtsräten angehört – 13 Dax-Konzerne waren darunter – und Tausende Stunden in Hauptversammlung abgesessen. Er weiß, was nun kommt. Nach einer guten Minute rufen die ersten Aktionäre von Daimler-Chrysler im Berliner Kongresszentrum ICC genervt: „Aufhören! Aufhören!“

Die Aktionäre ärgern sich übereinander – nicht über ihn. Ein erster Sieg für Hilmar Kopper.

Eine Stunde später spricht Lars Labryga vom Aufhören. Der Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) findet ebenso wie eine gefühlte Mehrheit der Aktionäre, Hilmar Kopper solle endlich aufhören. Den Chefsessel im Aufsichtsrat abgeben, den er seit 1990 besetzt.

Koppers rotwangiges Gesicht lacht, denn Labryga spricht charmant und verschmitzt – und er preist ihn sogar, natürlich mindestens halb im Scherz: „Herr Kopper, Sie werden immer besser.“ Das ist ein feiner Zug – ein Lob zum Schluss. Für den 71-jährigen Kopper könnte es die letzte Hauptversammlung sein, der er vorsitzt. Das letzte Denkmal der Deutschland AG trotzt noch einmal den Attacken aus einem Saal voller Aktionäre, über 8 000 sind es heute.

Zwar läuft Koppers Vertrag noch bis 2007. Aber dass er wie sein Vertrauter Jürgen Schrempp 2005 im Laufe des Jahres ausscheidet und an seinen designierten Nachfolger Manfred Bischoff übergibt, das liegt irgendwie in der klimatisierten Luft des Saales 1, ICC Berlin.

Buhmann sollte sie sein, die letzte große Rolle Hilmar Koppers. Weil er Ex-Vorstandschef Jürgen Schrempp so lange stützte und im Amt blieb, als dieser ging, wollten sich die Aktionäre von Daimler-Chrysler auf ihn einschießen. Auch wenn Kritiker wie Labryga erstmals erreichen, dass über die Entlastung der Aufsichtsräte – eine kleine Demütigung für Kopper – einzeln abgestimmt wird: Die Show bleibt lange No-Show.

Das verdankt Hilmar Kopper dem neuen Konzernchef Dieter Zetsche, der demütig und einfühlsam die Rolle des jugendlichen Helden über-nimmt. Wer will da noch den alten Schwiegervater prügeln?

Als Kopper um kurz nach zehn ans Pult tritt, ist es mucksmäuschenstill. Als um halb elf Dieter Zetsche vortritt, empfängt ihn warmer Applaus. Der Mann mit dem drolligen Walrossbart steht für das Einläuten einer neuen Zeit bei Daimler.

Kopper ist die alte Zeit. Als Banklehrling in Köln-Mülheim hat der Bauernsohn am 1. April 1954 seine Karriere begonnen. Er schafft es bis zum Chef der Deutschen Bank, zum Multiaufsichtsrat, zum einflussreichsten Strippenzieher in derjenigen deutschen Wirtschaft, die wegen ihrer Untereinanderverflechtungen Deutschland AG hieß. Kopper war der Aufsichtsratschef dieser AG.

Sein letzter Chefposten ist der bei Daimler-Chrysler, „an dem mein Herz hängt“, wie er einmal sagte.

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