Kouni
Doppelter Schiffbruch

Wenn der Präsident eines Reiseveranstalters mit Kreuzfahrten im Programm unfreiwillig baden geht, darf man wohl von einem Schiffbruch sprechen. Ebenso, wenn der Chef eines Industrieverbandes abtritt, bevor er überhaupt angetreten ist. Für Andreas Schmid, Chef des Reiseveranstalter Kuoni gilt beides.

ZÜRICH. Er hat als Präsident des Verwaltungsrats beim größten Schweizer Reiseveranstalter Kuoni Schiffbruch erlitten. Und er hat es als designierter Chef des mächtigsten Schweizer Dachverbands der Wirtschaft, Economiesuisse, geschafft, den Laden gegen die Wand zu fahren, bevor er überhaupt seinen Posten angetreten hat. Zu stark war die Zerreißprobe, der sich Economiesuisse durch seine Berufung ausgesetzt sah.

Von beiden Aufgaben ist Schmid am Montagabend zurückgetreten: Ein Stück Schweizer Wirtschaftsfilz ist in der Versenkung gelandet.

Schmid, ein Mann mit militärisch strammem Auftreten, ist über den eigenen Ehrgeiz gestolpert. Seine Karriere hatte ihn weit getragen, bevor er jüngst einen Fehler machte, der ihn nun seine prestige- und gehaltsträchtigsten Aufgaben kostete.

Der gelernte Anwalt wechselt 1989 nach drei Jahren bei der Vorgängerbank der UBS in den persönlichen Beraterstab von Klaus Jacobs und sammelt Erfahrungen in dessen Lebensmittelimperium. 1993 landet er im Vorstand von Mövenpick. Als es bei der Restaurant-Kette nicht mehr so läuft, folgt Schmid dem Ruf seines Mentors Jacobs zurück in dessen Beteiligungsgesellschaft, zu der das Zeitarbeitsunternehmen Adecco und der Industrie-Schokoladen-Produzent Barry Callebaut gehören.

Die Schokolade ist offenbar Schmids Metier, auch wenn dem forschen Manager niemand einen Hang zum Süßen nachsagt: Unter seiner Führung als Präsident und operativer Chef schafft Barry Callebaut den Aufstieg zum größten Schokoladenproduzenten der Welt, der inzwischen schwarze Zahlen schreibt. Dass er sich in Deutschland mit Stollwerk und der Marke Sarotti Töchter ins Boot holt, die mehr Mühe als Freude machen, fällt unterm Strich kaum ins Gewicht. Mit seinem Rückzug bei Barry Callebaut auf den Posten des stellvertretenden Präsidenten wäre in Schmids Laufbahn beinahe Langeweile aufgekommen. Nur im Beirat der Großbank Credit Suisse zu hocken und nebenbei an der Spitze der Zürcher Flughafen-Gesellschaft Unique zu stehen reicht ihm nicht.

Schmid wechselt zu Kuoni und lässt sich von Credit-Suisse-Chef Walter Kielholz für die Spitze von Economiesuisse vorschlagen. Bei Kuoni macht er seinen entscheidenden Fehler: Er verhandelt über einen Zusammenschluss mit dem britischen Reiseveranstalter First Choice – hinter dem Rücken des Managements und ohne unmittelbare Not. Denn Kuoni hat gestern gute Zahlen vorgelegt. Dieser Affront ist ein Vertrauensbruch, der den Präsidenten nun seinen Posten kostet und eine Kettenreaktion auslöst: Bei Economiesuisse drohen seit Schmids Nominierung reihenweise Branchenverbände mit dem Austritt. Sie wollen keinen Banken-, sondern einen Industrieverband, und Schmid steht aus ihrer Sicht nicht für diese Richtung.

Ohne sein Kuoni-Mandat ist Schmid auch bei Economiesuisse nicht länger haltbar. Er tritt ab, hinterlässt einen Scherbenhaufen und die Erkenntnis: Ein Multiverwaltungsrat kann auch besonders viel falsch machen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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