Kranksparer ungleich verteilt
Nicht jede Sparmaßnahme führt wirklich zum Ziel

Die Personalkosten sind ein gern gewähltes Sparpotenzial. Doch das kann sich rächen.

Wenn Sie am Ende vom Haushaltsgeld noch jede Menge Monat übrig haben, woran sparen Sie? Essen und trinken Sie nicht mehr? Wohl kaum. Denn dabei kann man sich leicht krank sparen. So einleuchtend diese Erkenntnis Otto Normalverbraucher erscheint, in der Wirtschaft hat sie sich noch nicht vollflächig umgesetzt. Da sparen sich einige derzeit krank.

Woran erkennt man den Kranksparer? Unter Kostendruck setzt er den Rotstift mit Vorliebe an den Personalkosten an. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ab einem gewissen Punkt muss man einfach Personal abbauen. Den Amateur aber erkennt man daran, dass er schon spart, wenn dieser Punkt noch längst nicht erreicht ist, wenn andere Sparpotenziale noch ungenutzt brachliegen.

Dieses Phänomen ist sehr ungleich über die Branchen verteilt. Im Maschinen-, Instrumenten- und Anlagenbau zum Beispiel kündigt man Mitarbeitern nur unter Gefahr für die Existenz der Firma. Dort hält man die Mitarbeiter auch während der periodisch hereinbrechenden Branchenkrisen, weil man aus schmerzhafter Erfahrung klug geworden ist.

In anderen Branchen wie der Werbung, Informationstechnik, Public Relations oder Zeitschriften- und Zeitungsverlagen, die bislang von fetten Branchenkonjunkturen verwöhnt wurden, holt man diese schmerzhafte Erfahrung derzeit nach, anstatt aus den Fehlern anderer zu lernen. Die Folgen sind oft fatal.

Zu besichtigen ist dies derzeit in der Werbebranche: Inzwischen hat teilweise ein leichter Aufschwung eingesetzt. Jene Agenturen, die ihr Personal zu zugegebenermaßen hohen Kosten hielten, sind jetzt dicke dabei. Die anderen, die entließen, haben kaum etwas vom Aufschwung, weil sie zu wenig Personal für zusätzliche Aufträge haben. Also fahren sie Überstunden noch und nöcher, worauf die Leistungsträger wegen Arbeitsüberlastung kündigen und zu den Agenturen wechseln, bei denen es gerade aufwärts geht. So paradox es klingt: Der vermeintlich rettende Aufschwung bringt die Firmen um, weil sie sich krank gespart haben!

Der Verlagschef eines kleinen Periodica-Verlages bringt noch einen weiteren Sparfehler aufs Tapet: Viele Mitbewerber ließen gerade die Leistungsträger gehen – weil diese die ersten sind, die von sich aus gehen, wenn Entlassungen drohen. Schließlich haben sie auf dem Arbeitsmarkt die besten Chancen. Aber sie reißen die größten Löcher in die Produktivität. Sie sind die Leute, die man braucht, wenn’s wieder aufwärts geht. Der Verlagsleiter: „Man darf sich nicht darauf verlassen, dass die Leistungsträger von sich aus bleiben. In der Krise haben wir versucht, sie um jeden Preis zu halten.“

Ein dritter Sparfehler, den zu vermeiden sich lohnt, ist das so genannte Survivor-Syndrom. In vielen Branchen, die zum ersten Mal in der Branchengeschichte in großem Stil entlassen, sind die Mitarbeiter vom überraschenden Kahlschlag derart schockiert, dass selbst die Überlebenden sich einigeln und totstellen: Die Produktivität geht in den Sturzflug über, es herrscht Frustration an der Basis.

Bezeichnend dafür ist nicht, dass die Mitarbeiter „uneinsichtig“ in Bezug auf die Lage des Unternehmens sind, wie es das Topmanagement oft vermutet. Die Mitarbeiter sehen recht wohl, dass man sparen und eventuell auch entlassen muss. Was sie nicht verstehen, ist, wer und wie viele entlassen werden.

Der Hardware-Chefentwickler einer mittelständischen IT-Firma sagt: „Die da oben haben die falschen Leute entlassen.“ Das muss noch nicht einmal zutreffen – es zeigt lediglich, dass die Entlassung schlecht vorbereitet war: kein professionelles Change Management, insbesondere keine Informationspolitik, die den verunsicherten Mitarbeitern klargemacht hätte, wie viele warum entlassen werden müssen und welche Strategie dahinter steckt.

Tröstlich ist allein, dass es auch Führungskräfte gibt, die gegen den Geiztrend angehen. Sagt der kaufmännische Leiter eines Installationsbetriebs: „Während in den vergangenen Monaten alle fünf Mitbewerber in der Stadt entlassen haben, haben wir jeden Mann gehalten.“ Dafür musste der Büroleiter manchmal nachts um zwölf noch Angebote schreiben – doch im jetzt einsetzenden Aufschwung ist er so dick im Geschäft, dass zwei der Konkurrenten kurz vor Aufgabe oder Fusion stehen.

Der Leiter einer Stuttgarter PR-Agentur sagt: „Wir haben unseren Leistungsträgern quasi eine Jobgarantie gegeben, haben sie wöchentlich bei der Hand genommen und ihrer herausragenden Stellung versichert – keiner ist abgesprungen. Jetzt starten wir schneller durch als andere.“

Und die Geschäftsführerin eines mittelständischen Unternehmens meint: „Wir mussten zum ersten Mal in der Firmengeschichte mehr als zehn Mitarbeiter entlassen. Die Leute waren geschockt. Sie hatten viele Fragen. Wir haben jede einzelne beantwortet. Immer und immer wieder.“

Einzelne Fragen musste sie dutzendmal beantworten – täglich! Sie hielt Informationsveranstaltungen, Fragestunden, Sprechstunden und Workshops ab – das ist Change Management! Resultat: kein Survivor- Syndrom. Die verbliebenen Mitarbeiter jubeln nicht, doch ihre Produktivität ist sogar noch gestiegen: Weil alle hinter der Entscheidung des Topmanagements stehen und jetzt dafür sorgen wollen, wie ein Betriebsrat sagt, „dass kein einziger weiterer Kollege entlassen werden muss! Dafür hängen wir uns doppelt rein!“

*Die Autorin ist Senior Consultant bei Memconsult, Gesellschaft für Unternehmenssteuerung und Risikomanagement, in Kutzenhausen bei Augsburg.

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