Krümmel-Pannen
Vattenfall-Chef Josefson in Erklärungsnot

Am Donnerstag präsentiert der schwedische Stromkonzern Vattenfall in seiner Berliner Niederlassung einen ersten Zwischenbericht zu den Zwischenfällen im Kernkraftwerk Krümmel. Die peinlichen Pannen bringen Unternehmenschef Lars Josefsson zusehends in Bedrängnis.

DÜSSELDORF. Der Energiekonzern wird artig Fehler einräumen und bei der Aufklärung des Vorfalls große Transparenz geloben. Referieren werden der Finne Tuomo Hatakka, Chef der für Deutschland zuständigen Tochter Vattenfall Europe, und Ernst Michael Züfle, Geschäftsführer der Nuklearsparte.

Einer wird fehlen: Konzernchef Lars Göran Josefsson. Er erspart sich den peinlichen Gang – und die kritischen Fragen der Journalisten.

Dabei ist gerade der 58-Jährige in Erklärungsnot. Er war es, der vor zwei Jahren, als es in Krümmel einen ersten spektakulären Zwischenfall gab, Probleme bei der Deutschland-Tochter brandmarkte und versprach, durchzugreifen und eine neue Informations- und Sicherheitskultur einzuführen.

Davon ist aber nichts zu spüren. Obwohl der Reaktor zwei Jahre lang getestet, repariert und aufgerüstet wurde, musste er sich am vergangenen Samstag erneut automatisch abschalten. Der Spannungsfall legte die meisten Ampeln im nahe gelegenen Hamburg lahm, beschädigte ein Bayer-Werk und lieferte den Atomkraftgegnern willkommene Munition. Schuld war ein Kurzschluss in einem Maschinentransformator – baugleich zu dem Trafo, der vor zwei Jahren brannte. Vattenfall hat bereits eingeräumt, den Einbau einer Messeinheit „versäumt“ zu haben.

Wie vor zwei Jahren gingen die Mitarbeiter aber vor allem falsch mit der Panne um. Sie versäumten es, die Aufsichtsbehörden zu informieren. Und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen beklagte sich öffentlich, dass selbst Vattenfall-Europe-Chef Hatakka nicht Bescheid gewusst habe, als er ihn am Samstag anrief.

Also wieder genug Anlass, um über die deutsche Tochter zu schimpfen? So einfach wird es sich Josefsson dieses Mal nicht machen können, nachdem er das Spiel schon vor zwei Jahren gespielt hat.

Rückblende: Als im Sommer 2007 Vattenfall wegen des Brandes in Krümmel und einer fast zeitgleichen Panne in Brunsbüttel in die Schlagzeilen geriet, ließ Josefsson wie heute zunächst den für Deutschland zuständigen Managern den Vortritt. „Lars G“, wie ihn die Mitarbeiter nennen, verfolgte aus seinem Sommerhäuschen, wie sich die Situation aufschaukelte, und ging im richtigen Moment auf Distanz. Während der damalige Deutschland-Chef Klaus Rauscher versuchte, die Vorfälle herunterzuspielen, klagte Josefsson per Handy gegenüber einem Journalisten in perfektem Deutsch über das schlechte Krisenmanagement. Die deutsche Tochter sei „unfähig, richtig zu kommunizieren“, schimpfte er. Kurz darauf verlor der Chef der deutschen Kernenergiesparte seinen Job und dann Deutschland-Chef Rauscher.

Josefsson, der nach außen ruhig und besonnen wirkt, in der Sache aber rigoros sein kann, war es damit geschickt gelungen, sich gerade noch einmal aus der Schusslinie zu bringen. Für sein Renommee ist das wichtig: Er gibt sich gerne als Saubermann, war Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel und wurde jüngst von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon in ein Expertengremium für den Klimaschutz berufen.

In Konzernkreisen wurde damals sogar gemunkelt, dass dem passionierten Jäger die Vorfälle gelegen kamen, um den ungeliebten Rauscher zu entsorgen und bei der selbstbewussten Tochter, die 60 Prozent des Umsatzes liefert, die Zügel in die Hand zu nehmen. Wenig später installierte er mit Hatakka einen Vertrauten, beschnitt die Befugnisse von Vattenfall Europe und zog Kompetenzen nach Stockholm ab.

Das Sicherheitsmanagement in den deutschen Kernkraftwerken machte er zur Chefsache. Er versprach, die Vorschriften zu verschärfen und eine neue Kultur zu etablieren. Josefsson setzte eine Expertengruppe mit Vertretern aus Technik und Wissenschaft ein, die die Vorfälle analysieren und Verbesserungsvorschläge erarbeiten sollten – offenbar mit geringem Erfolg.

„Dieses Mal wird Josefsson die Sache kaum von sich weghalten können“, unkt ein Konkurrent. Fehler könnten immer wieder vorkommen, aber wenn sie so gehäuft aufträten, sei es ein Zeichen von Dilettantismus. Besonders kritisch verfolgt Eon den Vorfall. Der Düsseldorfer Konzern ist mit 50 Prozent an Krümmel beteiligt, überlässt aber die Betriebsführerschaft Vattenfall. Mit öffentlicher Kritik hält sich der Partner zwar zurück. Intern soll er aber seinem Unmut Luft gemacht haben.

Ein Glück dürfte es für Josefsson sein, dass die Schweden beim Thema Kernkraft gelassener reagieren als die Deutschen. Den schwedischen Zeitungen sind die Vorgänge in Krümmel nur eine Notiz wert. Und selbst Meldungen über eine Pannenserie in schwedischen Reaktoren, die gestern in Deutschland kursierten, werden klein gehalten. Aber die schwedische Regierung, die Vattenfall kontrolliert, wird die Vorgänge in Deutschland aufmerksam beobachten.

Lars G. Josefsson

1950 Er wird am 29. Oktober in Schweden geboren. Lars Göran Josefsson macht seinen Master of Science an der Chalmers Technische Universität, Göteborg. Er wird 1974 Systemingenieur bei Ericsson. Nach einem kurzen Intermezzo kehrt er zu Ericsson zurück und leitet die Sparte Radar.

1987 Josefsson wird stellvertretender Geschäftsführer und Leiter der Division Oberflächensensoren. Er wechselt 1993 als Geschäftsführer zu Schrack Telecom nach Wien und wird 1997 Geschäftsführer von Celsius.

2000 Josefsson wird President und Chief Executive Officer des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall. Er hat zahlreiche Aufsichtsratsmandate.

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