Krupp-Stiftung
Berthold Beitz geht – Gerhard Cromme steigt auf

Zeitenwechsel an der Ruhr. Berthold Beitz, der letzte große Industrietycoon, zieht sich langsam aus der Führung der Krupp-Stiftung zurück. Ein möglicher Nachfolger war lange Zeit offen. Das Rennen macht nun offenbar Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der zum mächtigsten Mann des Ruhrgebiets aufsteigt.
  • 0

DÜSSELDORF. Stille senkt sich über das Publikum, als die lettische Organistin Iveta Apkalna in die Tasten greift. Aus den fast 4 500 Pfeifen erschallt ein breiter Klangteppich, der sich unerwartet sanft über die Zuhörer in der Duisburger Mercatorhalle legt. Sie sind gekommen, um der Einweihung der neuen Orgel beizuwohnen. Unter ihnen sitzt auch Berthold Beitz. Er, der letzte Industrietycoon an der Ruhr, ist hier der Ehrengast, hat doch die von ihm geleitete Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung den Orgelbau mit einem Millionenzuschuss erst möglich gemacht.

Mit Hilfe der Stiftung greift Beitz Jahr für Jahr den klammen Kommunen zwischen Rhein und Ruhr unter die Arme. Aber auch Wissenschaft, Forschung und Sport fördert er mit Millionen. Gespeist werden die Kassen der Krupp-Stiftung mit den Gewinnen der Thyssen-Krupp AG, an der sie mit 25,3 Prozent beteiligt ist.

Der Konzertbesuch von Beitz in der Mercatorhalle ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Zuletzt hat sich der 96 Jahre alte Patriarch kaum noch in der Öffentlichkeit gezeigt. Zudem durchlebt der Konzern eine der schwersten Zeiten seiner Geschichte. Thyssen-Krupp wird auf der heutigen Bilanz-Pressekonferenz einen Rekordverlust von 2,4 Mrd. Euro für das Ende September abgeschlossene Geschäftsjahr 2008/09 verkünden. Die tiefroten Zahlen haben Beitz geschmerzt. Nicht nur, weil er als der Konstrukteur des Thyssen-Krupp-Konzerns gilt - seine Stiftung ist auch dringend auf die Dividendenzahlungen angewiesen.

Beitz nimmt immer noch die zentrale Position im Machtgefüge des Industriekonzerns ein, weit stärker als die eigentliche Kapitalbeteiligung vermuten lässt. Als Bewahrer des Krupp-Erbes und Ehrenvorsitzender des Thyssen-Krupp-Aufsichtsrats hat er bei allen wichtigen Entwicklungen ein Wort mitzureden. Richtungweisende Entscheidungen werden nicht ohne Zustimmung der Villa Hügel gefällt, dem alten Stammsitz der Krupps, wo heute die Stiftung ihren Sitz hat. Sei es der Bau der neuen Werke in Amerika oder Veränderungen an der Vorstandsspitze.

Die beherrschende Stellung der Krupp-Stiftung macht den Ruhrkonzern zu etwas Besonderem im Dax. Statt gesichtslose Aktionäre hält hier ein Mann die Macht in den Händen. Diese übt Beitz mit erstaunlich geringen Mitteln aus. Weniger als eine Handvoll Thyssen-Krupp-Leute haben Zugang zu ihm, heißt es im Konzern. Aber auch diese setzt er nicht immer voll ins Bild über seine Pläne und Absichten. So ließ Beitz lange offen, wer ihm an der Spitze der Krupp-Stiftung nachfolgen soll.

Seite 1:

Berthold Beitz geht – Gerhard Cromme steigt auf

Seite 2:

Kommentare zu " Krupp-Stiftung: Berthold Beitz geht – Gerhard Cromme steigt auf"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%