Kultur des Scheiterns
Neue Chance nach der Pleite

Experten fordern ein Umdenken im Umgang mit geschäftlichen Misserfolgen. Während Fehlschläge hierzulande oft als Makel gelten, werden sie anderswo als Erfahrung verbucht – und wertgeschätzt.

WittenVom Online-Bestatter-Start-up über das Geschäft mit Hochzeiten bis zum Job-Service. Mit 24 Jahren hat Bayram Oruc schon eine lange Karriere als Unternehmensgründer hinter sich. Manche Geschäftsideen haben sich dabei schlicht als Flop erwiesen. Doch für den Wirtschaftsstudenten der Universität Witten/Herdecke gehören Misserfolge ganz selbstverständlich mit dazu. „Der Weg zum Erfolg ist vom Scheitern gepflastert“, sagt er.

Oruc zählt zu den Organisatoren eines Treffens für gescheiterte Gründer. Unter dem Titel „Fuck up Nights“ tauschen dabei rund 200 Gründer in Witten am Rande des Ruhrgebiets Geschichten über ganz persönliche Tiefschläge aus. Dabei sehen sie sich als Teil einer internationalen Bewegung, die nun auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet.

Die 31-jährige Jungunternehmerin Dörte Schabsky vermietet heute Arbeitsplätze für Gründer und Selbstständige in Büros im Ruhrgebiet. Das Wappentier des Start-ups, die Ameise Anton, steht dabei für Gründer, die auch den Erfahrungsaustausch in der Gruppe suchen.

„Es geht darum, Leute zu finden, die ehrlich sind“, beschreibt Sascha Friesike vom Lehrstuhl für Unternehmensgründung und Unternehmensführung der Uni Würzburg das Dilemma. Häufig sei Scheitern in Deutschland immer noch ein Tabu. „Leute, die einmal gescheitert sind, haben es deutlich schwerer“, stellt er fest. Es müsse jedoch darum gehen, Fehler nicht zu dämonisieren, sondern nach den Ursachen zu forschen. Scheitern sei dabei Lernen aus Fehlern - dabei könne man durchaus auch aus Fehlern anderer lernen.

Der kanadische Gründungsexperte Steven Gedeon von der Ryerson University in Toronto plädiert für eine neue Sicht auf wirtschaftliche Fehltritte. „Scheitern ist Teil eines persönlichen Bildungswegs zum Unternehmer“, so Gedeon, der als Gastprofessor am Strascheg Center für Entrepreneurship der Hochschule München auch deutsche Gründer bei ihren ersten Schritten begleitet.

Angesichts der hohen Kosten für eine professionelle Ausbildung sei das sogar ein vergleichsweise günstiger Weg, meint er. Dabei müsse es bei der Neugründung von Unternehmen nicht immer in erster Linie nur um den Erfolg der Firma gehen. Genauso wichtig sei auch das Sammeln von Erfahrungen.

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