Kulturelle Eigenheiten in Frankreich
Vive la différence

Frankreich ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Um Probleme beim Geschäftemachen zwischen Deutschen und Franzosen gar nicht erst entstehen zu lassen, sollte man versuchen, sich in die kulturellen Eigenheiten der anderen hineinzuversetzen.

Es dauerte gerade mal ein Jahr, und schon knirschte es gehörig im Getriebe. Deutsche und französische Geschäftsgebiete waren in der neu gegründeten Atos Worldline, einer Tochter des französischen IT-Dienstleisters Atos Origin, in Frankfurt zusammengeführt worden. An interkulturelle Probleme hatte niemand gedacht. Doch schon bald ging den deutschen Kollegen die französische Eigenwilligkeit – im Urlaub durchaus geschätzt – im Joballtag ziemlich auf die Nerven. Und die Franzosen hatten mit der ihrer Ansicht nach wenig flexiblen Haltung der Deutschen große Probleme.



Dabei ist Frankreich Deutschlands wichtigster Handelspartner. Und 2 700 deutsche Firmen haben sich beim Nachbarn niedergelassen, 1 400 Dépendancen französischer Betriebe gibt es hier zu Lande. Und dennoch gilt: „Franzosen und Deutsche sind so unterschiedlich, dass sie sich kaum unter einen Hut bringen lassen“, konstatiert Gilles Untereiner, seit 27 Jahren Leiter der französischen Handelskammer in Saarbrücken. Was also tun? Um eine weitere Verhärtung der Fronten zu verhindern, beschloss Atos Worldline, mit einem interkulturellen Workshop gegenzusteuern.



Trainerin Claudia Wabel von der Münchener Twist Consulting deckte eine Reihe von Reibungspunkten auf, die generell eine Zusammenarbeit zwischen beiden Kulturen erschweren. Zum Beispiel ein unterschiedliches Zeitverständnis. Während Pünktlichkeit in Deutschland noch immer als Königstugend gilt, gehen unsere Nachbarn damit großzügiger um. „Schon in der Schule wird Franzosen ein anderes Zeitgefühl vermittelt. Sie müssen viele Dinge gleichzeitig erledigen, und so bekommt das, was ihnen emotional am wichtigsten erscheint, Priorität“, erklärt Sabine Henrichfreise, Chefin der Pariser Beratung Philena. Hat der Chef noch eine kurze Anfrage, dann ist die für einen Franzosen von größerer Bedeutung als etwa pünktlich zur Besprechung zu erscheinen. Und: „Jenseits des Rheins beginnen Meetings nicht Punkt neun Uhr, sondern ‚globalement à 9 heures’ “, so Henrichfreise. Das bedeutet mit einem Spielraum bis zu 20 Minuten – ohne unhöflich zu erscheinen. Harald Frank, Kommunikationschef von Bosch France, kennt noch einen anderen Grund für das unterschiedliche Zeitverständnis: „In Frankreich lässt man sich eben mehr Zeit für die Dinge.“ Und diskutiert notfalls nochmals alles neu, auch wenn aus deutscher Sicht die Entscheidung schon getroffen war. „Franzosen sehen Absprachen tendenziell weniger als verbindlich an und handeln eher spontan, während Deutsche großen Wert auf Planung und Struktur legen“, beobachtet Wabel. Da kann es schon mal sein, dass „die französische Vorliebe, flexibel zu sein, die Deutschen wahnsinnig macht“, so Untereiner.

Seite 1:

Vive la différence

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%