Kunst-Macher: „Dieser Irrsinnspreis ist eine Gefahr!“

Kunst-Macher
„Dieser Irrsinnspreis ist eine Gefahr!“

Der Schweizer Peter Kilchmann hat es mit provokativen Künstlern wie Santiago Sierra in die Topliga der europäischen Galeristen geschafft. Inzwischen zählt er zu den international wichtigen Galeristen, die frühzeitig Talente aufspüren, die das Zeug für eine internationale Karriere haben.

ZÜRICH. Die Nachricht ist eine Sensation: Erst bei 600 000 Dollar fällt der Hammer auf der letzten Auktion für zeitgenössische Kunst von Sotheby’s in New York. Ein Rekordpreis für ein Triptychon des Belgiers Francis Alys! Aber sein Galerist, Peter Kilchmann aus Zürich, kann sich darüber nicht freuen. Im Gegenteil. Der groß gewachsene Mann, der sonst seine Standpunkte auf seine ruhige Schweizer Art erläutert, schimpft los. „Dieser Irrsinnspreis ist für den Künstler eine Gefahr. Schafft er auf der nächsten Auktion keinen ähnlichen Rekord, wird das als Abstieg verbucht.“

Auch prominente Sammler wie der Aachener Zahnarzt Joachim Plum regen sich auf. „Dieser Rekordpreis ist verheerend. Damit ist es für uns Privatsammler fast ausgeschlossen, weitere Arbeiten des Künstlers zu erwerben.“ In der Galerie würde das Triptychon etwa 200 000 Euro kosten. Plum hat bei Kilchmann schon einige Alys-Werke gekauft, in denen der Künstler soziale Missstände in Mexiko City anklagt.

Der Sammler schätzt Kilchmanns Arbeit sehr: „Mit seiner fachlichen Kompetenz, seiner Zuverlässigkeit und Präzision ist er ein typischer Schweizer. Und sein Programm ist in der Gewichtung zwischen etablierten und jungen Künstlern sehr ausgewogen.“

Kilchmann entdeckte 1999 Santiago Sierra bei einer Ausstellung in New York. Der in Mexiko lebende Spanier prangert mit provozierenden Aktionen, bei denen er zum Teil Arbeitslose und Prostituierte engagiert, die Unterschiede zwischen Arm und Reich an.

Aber das Galeristenleben besteht nicht nur aus spektakulären Entdeckungen, sondern auch aus viel Alltagsarbeit. Jeden Dienstagmorgen versammelt Kilchmann seine Mitarbeiter um den runden Besprechungstisch in seinem Büro. Im Kreise seiner Mannschaft wirkt der 42-Jährige mit dem jungenhaften Haarschnitt wie ein Assistent und nicht wie der Chef und Inhaber einer Galerie, die sich Lofträume im hippen Zürcher Löwenbräu-Areal leisten kann. In das alte Brauhaus aus rotem Klinker sind Galerien und Museen für moderne Kunst eingezogen.

Er bespricht mit der jungen Mannschaft, mit der er sich duzt, die wichtigsten Punkte der Woche. Alessander ist für Versand und Bildbearbeitung zuständig, David für Videotechnik und Cynthia sowie Claudia betreuen die Künstler: Sie entwerfen die Einladungskarten für Ausstellungen, komplettieren die Werkverzeichnisse und Biografien und bereiten die Messeauftritte vor und nach.

Der Mann, der Jeans und Pullover bevorzugt und nur zum Fototermin im Anzug erscheint, gehört zur neueren Galeristengeneration. Während ältere Kollegen ihren Job oft erst als Zweitkarriere gewählt haben, peilt Kilchmann ihn gleich an. Seine Ausbildung absolviert er in Paris, am Spezialinstitut für den Kunstmarkt, Institut des Carrières Artistiques, seine Lehrzeit in einer New Yorker Avantgardegalerie und seinen ersten Job erhält er beim Zürcher Auktionshaus Schneider. Das aber macht kurz darauf Pleite – ein Crashkurs gratis.

Deshalb muss er sich früher als geplant 1992 selbstständig machen. Die Branche feiert ihn gleich als „Shooting-Star“, und das Schweizer Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ hievt ihn auf Platz zwei in der Liste der Galeristen, die neue Talente entdecken.

Aber das Publikum ist anderer Meinung. Seine erste Ausstellung mit Politfotos des Nordiren Willie Doherty wird ein Flop. Die Zürcher zweifeln am Kunstcharakter der Fotografie. Doch Kilchmann lässt sich nicht entmutigen. Anschließend wagt er es, die großformatigen Körperfotografien des Amerikaners John Copland zu zeigen – ein Achtungserfolg.

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