Kunstmarkt: Der Mann hinter dem Rauch

Kunstmarkt
Der Mann hinter dem Rauch

Samstagnachmittag in der Auguststraße. Kunsttouristen schlendern durch das Galerieviertel in Berlin-Mitte. Gerade verlässt Peter Raue das Haus Nummer 26. Der Experte für Urheberrechtsstreitigkeiten, Staranwalt und Galionsfigur der Freunde der Berliner Nationalgalerie, hat gekauft. Bei Eigen + Art. Wieder einmal.

BERLIN. Galerist Gerd Harry Lybke, Spitzname „Judy“, verabschiedet seinen prominenten Kunden zufrieden und wendet sich vor den großformatigen Dachboden-Fotos der Dresdnerin Ricarda Roggan mit leicht sächselnder Suada dem Besucher zu. Ein amerikanischer Sammler, der durch das Haus wandern will, wird auf später vertröstet.

Lybke ist – im Gegensatz zu den Messen, wo er meist in offiziellem Schwarz erscheint – leger gekleidet: heller Matrosenanzug und offenes, weißes Hemd. Das ist Berliner Wochenendlook, der bei flanierenden Sammlern ankommt. Letzte Schwellenangst nimmt Lybke dem Besucher mit der alten Ostmanier, jeden zwanglos zu duzen. Was zog den Sachsen in die Bundeshauptstadt? „In Berlin kommen die Leute.“ Der Standort ist Gold wert, findet Lybke, der aus nostalgischen Gründen noch eine mit 480 Quadratmetern wesentlich größere Galerie in Leipzig unterhält und heute neun Angestellte beschäftigt.

Die Leipziger Anfänge waren dornig. Der angehende Ingenieur war auf die schwarze Liste gesetzt worden, weil er ein Stipendium in die UdSSR ausgeschlagen hatte. 1983 wagt er, eine private Galerie in seiner Wohnung zu eröffnen – unter den Argusaugen der DDR-Behörden, die aus Devisengründen nur den staatlichen Kunsthandel dulden. Den Lebensunterhalt für sich und sein Zimmerprogramm verdient er als Aktmodell an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig.

Mit der Wiedervereinigung 1989 kommt der Schock. Jetzt schiebt sich der Markt zwischen ihn und seine Künstler. Wirtschaftliche Professionalität ist gefordert. Lybke beginnt mit einem zinslosen Darlehen des Lebensmittelkonzernherren Arendt Oetker, der als Sammler den Osten durchstreift. Höhe: 50 000 Mark. Auch seinen Überziehungskredit bei der Dresdner Bank schöpft er voll aus: „Bis 1994 habe ich mit Unterdeckung gearbeitet.“

Trotz dieser Kapitalschwäche reagiert er global und eröffnet in den Jahren 1990 bis 1994 temporäre Galerien in Tokio, Paris, New York und London, die für jeweils drei bis sechs Monate seine Stammkünstler zeigen: ein globaler Markttest als Investition in die Zukunft.

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