Langweilig ist er nie
Karl der Große

Egal, ob Luxusmodemacher Lagerfeld 65 oder 70 Jahre alt wird: Als Ruheständler sieht er sich noch lange nicht.

DÜSSELDORF. Karl Otto Lagerfeld hat morgen Geburtstag. Ob er feiert? In Paris, Monaco oder Biarritz? Man weiß es nicht. Auch nicht so genau, ob er tatsächlich 65 Jahre alt wird – so die immer wieder verbreitete Version – oder schon 70 Jahre.

Die geborene Jungfrau ist eben eine Diva. Und Diven verstecken sich gerne hinter Make-up-Schichten oder anderen Masken. Lagerfeld verbirgt sich hinter einem graziösen Fächer, der zusammen mit einer dunklen Brille und einem weiß gepuderten Haarschwänzchen sein Erscheinungsbild ausmacht. So kennt ihn die Modewelt, und so will er gesehen werden.

Peter Paul Polte, Chefredakteur des Fachblatts „Textilwirtschaft“, hält ihn „für einen der begabtesten und wichtigsten Modemacher der Epoche“. Für die Mode-Professorin Ingrid Loschek ist er „ein Meilenstein der Mode“.

An seinem Geburtstag macht sich der viel Geehrte wohl dünne. Das kann er gut, im übertragenen und im tatsächlichen Wortsinn. Erst vor kurzem hat er sich selbst neu entworfen, indem er 42 Kilo abnahm.

Egal, was über ihn gesagt oder geschrieben wird: Langweilig ist er nie. Ganz im Gegenteil. Er ist bekannt als toller Gesprächspartner – wenn man ihn zu packen kriegt. Denn meist ist er gerade woanders. Wenn er dann aber kommt, gerne zu spät – ist er voll da: Fächer vor dem Gesicht, aber kein Blatt vor dem Mund.

Das bekam auch Moderator Johannes B. Kerner im Mai zu spüren, als Lagerfeld mit ätzender Höflichkeit seine banalen Fragen entlarvte: „Schauen Sie, was Sie hier sehen, das ist schon alles. Da ist nichts dahinter. Ich bin nur eine Fassade, jedenfalls für die Außenwelt.“ Gegen die setzt Lagerfeld seinen Redeschwall als Schutzwall. Dabei ist der Designer von Hause aus Hanseat. Die sollen ja eher wortkarg sein. Sein Vater war der Gründer der Glücksklee-Dosenmilchfabrik. Der Sohn hatte das Glück, schon in frühen Jahren nach Paris umzuziehen. Dort gewann er 1954 den Wettbewerb des Internationalen Woll-Sekretariats.

Wie es weiterging? Märchenhaft. Das junge Talent arbeitete bei Couturiers wie Pierre Balmain und Jean Patou, bevor es sich als Designer selbstständig machte, um unter anderen der renommierten italienischen Modefamilie Fendi Ideen zu liefern. Lange Jahre prägte er den Stil des Hauses Chloé. Seit zehn Jahren gelingt Lagerfeld der Spagat zwischen Tradition und Innovation für die Kultmarke Chanel. Der Wahlpariser verkauft sich gut – und international. Sogar für die größte japanische Warenhauskette „Isetan“ machte er Mode.

Karl der Große, wie er gerne genannt wird, war sich auch nicht zu fein, für Groß-Konfektionär Klaus Steilmann oder das Versandhaus Quelle Mode für Millionen statt für Millionäre zu entwerfen. Obwohl der Mann, der scheinbar aus dem Handgelenk pro Saison ein Dutzend Kollektionen auf die Beine stellt, wohl Millionen verdienen dürfte. Er selbst bekomme als Free Lancer von den Auftraggebern „seine Prozente“, gibt er gerne zu. Und davon gönnt er sich zum Beispiel in Paris, in Rom, Monaco und Biarritz eine Villa, dazu Kunst und Möbel. Wenn er es leid ist, was alle Jahre wieder vorkommt, trennt er sich davon. Dafür gibt es schließlich Christie’s oder Sotheby’s. So recycelt Lagerfeld erfolgreich seine Millionen. Als freier Unternehmer weiß er, dass es „gut ist, wenn Marketing und Intuition zusammenkommen“. Durch seine zahlreich eingesetzten Talente ist er für Behörden nur schwer berechenbar. Jedenfalls sollte Lagerfeld 1997 dem französischen Staat 2,76 Millionen Euro Steuern nachzahlen, wogegen er sich als eingetragener Monegasse sträubte. Später einigte man sich dann irgendwie.

Dabei dürften die Behörden bei der Steuererhebung kaum seine Fotohonorare mit berücksichtigt haben. Der Auslöser zu seiner Karriere hinter der Kamera soll die Unzufriedenheit mit der Wiedergabe seiner Werke gewesen sein. So fotografierte er selbst und erhielt 1996 prompt dafür den Kulturpreis der deutschen Gesellschaft für Photographie.

Bei all seinen Erfolgen – gerade hat er für Steinway einen Flügel entworfen, weil er selbst „nicht Klavier spielen kann“ – ist das Multitalent nie mit sich selbst zufrieden: „Ich versuche immer noch, etwas zu verbessern.“ Das gelingt natürlich nur mit Disziplin. Anders als viele seiner Kollegen lebt Lagerfeld nahezu asketisch – raucht nicht, säuft nicht, kokst nicht und behauptet von sich, auch sonst wenig Fehler zu machen. „Vielleicht bis auf wenige unnötige Seitensprünge, aber dabei ging es um Lizenzen.“

Ende 1983 erwarb die französische Textilgruppe Bidermann die Lagerfeld-Lizenz für Europa und die USA – und machte damit nur Verluste. 1992 schließlich übernahm die britische Dunhill-Holding das Modehaus Lagerfeld und damit auch die weltweiten Rechte für Damenbekleidung und Accessoires.

So bleibt Karl dem Großen genügend Raum in seinem selbst gestalteten Reich zum Ausleben seine Passionen: für seine kleine, feine Kollektion in der „Lagerfeld Gallery“ in Saint Germain oder in seiner Kunstbuchhandlung „7L“ in der Rue de Lille. Wobei Kreativität für Karl Lagerfeld „ein normaler Reflex ist – wie Atmen.“ Egal, wie alt er ist: Dem Mann geht wohl nicht so bald die Luft aus.

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