Lanxess
Wenn die Chemie stimmt

Ein steiler Karriereweg: Als Einwanderer ist Zhengrong Liu jung und schnell ins deutsche Topmanagement aufgerückt. Heute ist der "Vorzeigechinese" Personalleiter bei Lanxess. Er passt in kein Klischee und macht sich mit seiner Arbeitsweise nicht nur Freunde. Für manche in Leverkusen ist er die personifizierte Globalisierung.
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LEVERKUSEN/SHANGHAI. Ein junger Chinese als Personalchef eines deutschen Chemiekonzerns, der mit Sätzen wie "Ein bisschen mehr China würde Deutschland guttun" provoziert und seit seinem Antritt vor fünf Jahren jeden vierten Mitarbeiter entlassen hat - das weckt Ängste.

Doch Zhengrong Liu ist ein Mutmacher. Auf die Frage "Würden Sie einen Bewerber mit Ihrem Lebenslauf einstellen?" antwortet der Personalleiter von Lanxess nicht sofort. Der kleine Mann mit den zentimeterkurzen Haaren, der für 14 600 Mitarbeiter verantwortlich ist, rutscht auf seinem Stuhl zurück. Farbe kommt in sein Gesicht. "Vertrauen, Respekt, Transparenz" - all die Tugenden, die er von seinen Mitarbeitern fordert, mögen ihm in diesen Sekunden durch den Kopf schießen. Schließlich gesteht der stämmige Mann mit den feingliedrigen Händen: "Nein. Wahrscheinlich wäre ein Gespräch nötig" und lächelt sein sympathisches Lächeln.

Zhengrong Liu hat es geschafft. Als Einwanderer ist er jung und schnell ins deutsche Topmanagement aufgerückt. Er ist Deutschlands Vorzeigechinese, und damit auch die personifizierte Globalisierung. Dass er trotz Arbeitsplatzabbaus keine Positionen nach Asien verlagert hat, macht ihn stolz. Und während noch Verfassungsschützer vor Industriespionage und chinesischen Praktikanten warnen, hat Liu der Personalarbeit des viertgrößten deutschen Chemiekonzerns schon längst den eigenen Stempel aufgedrückt.

Für diesen Erfolg und in dieser Rolle wird er in Kreise eingeladen, zu denen ein deutscher M-Dax-Personalchef einer krisengeschüttelten Branche wohl sonst keinen Zugang hätte. Liu ist dabei neugierig, meinungsfreudig und spielt seine Rolle intelligent aus: Mit Thilo Sarrazin diskutiert er über Integration, zu den Baden Badener Unternehmergesprächen kommt er als Gastredner.

Hinter dieser Rolle, die ihm sehr bewusst ist, steht der Mensch Zhengrong Liu: Einst guter Schüler, aber kein Überflieger. Schon früh eloquent, aber kein Klassensprecher. Bei der Demokratiebewegung 1989 ein begeisterter Demonstrant, aber kein Dissident. Ein Studienabbrecher in der Heimat - dort musste er kurz vor der Prüfung die Uni verlassen, sonst hätte er keinen Pass bekommen. Er ist einer, der es nicht schaffte, seinen Traum von Amerika - den damals alle jungen Chinesen träumten - zu verwirklichen.

Stattdessen landete er am Rhein. In der Tasche 300 Mark, geliehen vom Hongkonger Onkel, dem einzigen Verwandten außerhalb der Volksrepublik. Liu ist einer, der sieben Jahre lang an der Uni Köln Geisteswissenschaften - Pädagogik, Politikwissenschaften und Anglistik - studierte und nebenbei kellnerte. "Meine Devise bei der persönlichen Entwicklung ist es, nicht zu viel zu planen, aber das, was einem in die Hand fällt, gut zu machen", sagt Liu über sich und nennt das "sehr chinesisch".

Die Geschichte des Zhengrong Liu ist die eines außergewöhnlichen Aufstiegs. Sie zeigt, wie durchlässig Deutschlands Wirtschaft ist, gibt Geisteswissenschaftlern, Quereinsteigern und Einwanderern Hoffnung. Und zeigt, dass manchmal doch Persönlichkeit zählt, nicht nur das richtige Studium oder die richtige Herkunft.

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