LBBW-Chef Siegfried Jaschinski
Der schwäbische Feldherr

Alexander der Große ist sein Vorbild: Genau wie er will LBBW-Chef Siegfried Jaschinski neues Terrain erobern, Bank-Terrain. Aber er geht dabei vorsichtiger vor als der Feldherr der Makedonier und Griecher zieht nicht zu viel Ressourcen von daheim ab. Damit es im „Ländle“ keinen Ärger gibt. Quod erat demonstrandum.

MÜNCHEN. Wir schreiben das Jahr 333 vor Beginn unserer Zeitrechnung. Soeben hat sich der Perserkönig Darius mit seinem Streitwagen zur Flucht gewandt. Alexander, Feldherr der Makedonier und Griechen, verfolgt ihn als strahlender Triumphator zu Pferd. Die Schlacht ist geschlagen. Ein junger Held aus der kleinen hellenischen Welt hat seinen ersten Schritt auf einem langen Siegeszug weit hinein nach Asien getan. Bewundernd, fast schon ehrfürchtig steht ein jungenhaft wirkender Anfangs-Fünfziger in der Münchener Alten Pinakothek vor dem Gemälde der berühmten „Alexanderschlacht“, in dem Albrecht Altdorfer in den Jahren 1528/29 wie in einer modernen Momentaufnahme den welthistorischen Augenblick von Issus geschildert hat.

Der Betrachter scheint jedes Detail des malerischen Kampfepos genau ins Auge zu nehmen. Man könnte ihn für einen Kunsthistoriker halten, womöglich Ordinarius aus der nahen Universität. Oder einen zumindest historisch beschlagenen Privatdozenten, der mit der Alexanderschlacht mehr verbindet als den alten Pennäler-Merkvers „Drei, drei, drei – bei Issus Keilerei“. Doch der Alexander-Kundige ist mitnichten Gelehrter. Sondern ein Mann des Geldes: Siegfried Jaschinski, Vorstandsvorsitzender der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in Stuttgart.

Die Bewunderung für den Krieger und Politiker Alexander, der als Lehrer keinen Geringeren hatte als den Philosophen Aristoteles, kommt beim Bankier Jaschinski nicht von ungefähr: Er hat nicht nur Betriebswirtschaft, sondern auch Geschichte studiert. Und als Historiker seine Doktorarbeit geschrieben. In der wissenschaftsüblichen Sperrigkeit lautet ihr Titel „Alexander und Griechenland unter dem Eindruck der Flucht des Harpalos“.

Wobei die Frage, wer dieser Mann war und was er getrieben hat, quizwürdig für Möchtegernmillionäre wäre. Auflösung des Rätsels: Harpalos, ein Jugendfreund Alexanders, verwaltete dessen Kriegsfinanzen, zweigte jedoch etliche Beträge für teure Damenbekanntschaften aus dem Rotlichtmilieu ab – ein schon damals bekanntes Korruptionsdelikt. Dies verzieh ihm Alexander zwar beim ersten Mal, doch nicht im Wiederholungsfall. Denn da entwendete Harpalos nicht nur Geld aus dem Kriegsschatz, sondern nahm gleich ein Söldnerheer mit und floh nach Athen – ausgerechnet in die Stadt, die nur widerwillig Alexanders Politik mitgemacht hatte. Harpalos wurde in Athen inhaftiert und später auf Kreta ermordet.

Was eher nebensächlich scheint im Gang der großen Weltgeschichte und selbst in einschlägigen Werken kaum erwähnt wird, ist für Jaschinski heute noch Grund, ein bisschen stolz zu sein: Selbst im fernen Australien ist – im Minizirkel der Althistoriker, versteht sich – die These seiner Doktorarbeit heftig diskutiert worden. Sie lautet: Die blutigen Fehden, die nach Alexanders Tod zwischen seinen Feldherrn und den von Athen angeführten Griechen ausbrachen, wären wohl auch Alexander nicht erspart geblieben, hätte er länger gelebt als nicht einmal dreieinhalb Jahrzehnte. Denn zu weit hatte sich der Feldherr und Fürst von seiner ursprünglichen Basis entfernt und mit der Heimat auseinander gelebt.

Beim Bank-Strategen Jaschinski ließe sich vermuten, er wolle zwar ganz nach Alexander-Art neues Terrain erobern – wie jetzt beispielsweise beim Übernahmekampf um die Berliner Landesbank –, aber doch vorsichtiger vorgehen und nicht zu viel Ressourcen von daheim abziehen. Damit es im „Ländle“ keinen Ärger gibt. Quod erat demonstrandum – wie es zu beweisen wäre aus der Geschichte.

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