Leben und Arbeiten für die Welt
Johannes Hunger: Meister der Antiroutine

Erst Unternehmensberater, dann Weltverbesserer, erst Chemie,- dann Philosophiestudent, erst Pfälzer Bub, dann Vielreisender: droht ihm langweilig zu werden, dann zieht Johannes Hunger einfach weiter. Derzeit arbeitet er für eine Hilfsorganisation und berät beim Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria.



Postkartenpanorama. Das sieht Johannes Hunger, wenn er aus dem Fenster seines Großraumbüros im zwölften Stock auf den schneebedeckten Montblanc blickt. Er hat die Hände in den Taschen seiner grauen Bundfaltenhose verbuddelt und die Stirn nachdenklich geknittert. Er mag die Aussicht, vor allem an Tagen, wenn die Sicht klar und der Himmel über Genf und dem Viertausender strahlend blau ist. Aber "manchmal ist es nicht leicht", sagt er, "wenn ich zurückkomme und mich einfach wieder vor den Computer setze".

Vor Augen die Alpenidylle, im Kopf die Elendsbilder, die er von seinen Reisen kennt und die ihn immer wütend und oft traurig machen. Seine Welt sind nicht die Schweizer Berge, sondern Gebiete, in denen die Menschen an Aids, Malaria oder Tuberkulose sterben wie die Fliegen. In Burkina Faso. Oder in Ghana, auf Haiti oder in Sri Lanka.



Johannes Hunger arbeitet seit gut einem Jahr für den Globalen Fonds zur Bekämpfung dieser drei Epidemien. Welten gewechselt hat er aber schon vorher. "Ich habe Angst davor, mich festzufahren und Dinge zu machen, von denen ich das Gefühl habe, sie legen mich für die nächsten zehn Jahre fest", sagt der 40-Jährige. Deshalb hat er sich für den Bewerbertraum eines jeden Arbeitgebers entschieden: den maximal flexiblen Lebensentwurf.

Bevor er seinem sozialen Gewissen nach Genf folgte, verdingte er sich als Unternehmensberater in Rom, Paris und Hamburg. Davor war er Juniorprofessor in Berlin, und davor Forschungsstipendiat in London. In Heidelberg und Bielefeld studierte er erst Chemie mit Auszeichnung, später auch Philosophie. Immer wieder hat er den Bruch gewagt, Brücken hinter sich abgerissen, Freunde zurückgelassen, den Job gewechselt und die Stadt, meistens auch das Land. "Orte sind unwichtig", sagt er, "mit den richtigen Menschen und der richtigen Beschäftigung könnte ich mich überall dauerhaft niederlassen."

Der Kontakt zum Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose und die Idee, in die Schweizer Alpenidylle zu wechseln, kamen über das World Food Programm in Rom. Die UN-Organisation ist nicht nur eine der größten im Bereich Hungerhilfe, sondern auch Klient von Hungers früherem Arbeitgeber, der Boston Consulting Group (BCG). Da den damals 36-Jährigen die Beratertätigkeit zwischen Petersdom und Forum Romanum reizte, drängte er darauf, das Projekt zu übernehmen. "Wenn man sich fest vornimmt, dass man etwas Neues machen will, klappt das auch meistens", sagt er. So auch in diesem Fall. Er verbrachte zwei Jahre in der Ewigen Stadt und setzte sich dort intensiv mit den Themen Armut und Hunger auseinander. Als ihn das Consulting anfing zu langweilen, beschloss er im Sommer 2007 nach Genf zu gehen.

Dort hat er sein üppiges Beratergehalt gegen ein bescheideneres Salär, den formellen, dunklen Anzug gegen Stoffhose und Pullover und das Hotelzimmer gegen eine eigene Wohnung getauscht. "Wenn man im Consulting arbeitet, muss man immer die Ziele des Kunden verfolgen, Umsatz erhöhen, Kosten sparen, Profit erwirtschaften", erklärt Hunger. Beim Globalen Fonds gestaltet sich sein Arbeitsalltag ähnlich, nur sei hier der Profit die Anzahl der Menschenleben, die er retten könne. Und das bei weniger Arbeitstagen, die erst nach Mitternacht enden. Die gibt es zwar auch hin und wieder aber "ich bin bei weitem kein Workaholic", sagt er.

Arbeitsalltag bedeutet für den professionellen Wohltäter immer noch, viel unterwegs zu sein. Die Ziele unterscheiden sich allerdings von jenen, die er während seiner Beraterzeit angesteuert hat. Statt Unternehmen besucht er nun Waisenhäuser, deren minderjährige Bewohner HIV-positiv sind, wie ihre Mütter es waren. Die Väter spielen selten eine Rolle, entweder sie sind ebenfalls gestorben oder am Schicksal ihres Nachwuchses nicht interessiert. "Die Dankbarkeit, die die Betroffenen vor Ort für die richtige Behandlung und die bereitgestellten Gelder zeigen, ist überwältigend", sagt Hunger. Er versucht so oft wie möglich zu Projekten zu reisen, die der Fonds finanziert, "um aus dem Elfenbeinturm rauszukommen." Und aus der Idylle. Der Weg zum Weltenhopping ist kurz. Sein Genfer Arbeitsplatz mit Panoramablick liegt direkt am Flughafen, zwischen seinem Schreibtischstuhl und dem Flugzeugsessel liegen nur ein paar Hundert Meter.

Sein langjähriger Mentor und Gründer von BCG Deutschland, Bolko-Alexander Ritter und Edler von Oetinger, nennt seinen Ex-Kollegen den "Meister der Antiroutine". "Der hat Unruhe in sich", sagt er. "Hunger ist ein Wanderer und niemand, der irgendwo sesshaft wird. Wenn es langweilig wird, zieht er weiter." Die beiden lernten sich 2006 kennen. Für ein Seminar in der Autostadt Wolfsburg sollte ein Film über den "Leistungsbegriff" gedreht werden. Von Oetinger hörte sich im Kollegenkreis um, wer an dieser strategisch-intellektuellen Fragestellung mitarbeiten könnte und immer wieder fiel der Name eines neuen Kollegen: Johannes Hunger. "Er hat ein wahnsinnig breites, fast Universalwissen", schwärmt der ritterliche Mentor. Trotzdem ist Hunger in seinen Augen jemand, der nicht aufgesetzt daherkommt sondern sehr natürlich. "Er ist auf der Seite des höheren Zwecks im Leben", sagt von Oetinger.

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