Lettland
Der Berufsoptimist

Nils Melngailis ist neuer Chef der verstaatlichten lettischen Parex Bank. Der 43-Jährige hat einen der schwierigsten Jobs in der baltischen Republik Lettland übernommen, er soll die Parex Bank retten. Melngailis sucht dazu Investoren - auch in Deutschland.

RIGA. Die robust gebauten Türwächter mit der kleinen Schnecke im Ohr signalisieren bereits am Eingang den Ausnahmezustand. Und Nils Melngailis sieht man an, dass die Tage mit viel Kaffee, wenig Schlaf und noch mehr Arbeit derzeit keine Ausnahmen sind. Der erst seit einem Monat amtierende neue Chef der lettischen Parex Bank muss selbst Interviews immer wieder verschieben, auch schon mal auf 22 Uhr. Da sitzt er dann mit dunklen Ringen unter den Augen und Sarkasmus auf den Lippen: Nein, über zu wenig Arbeit könne er derzeit nicht klagen.

Der 43-Jährige hat einen der schwierigsten Jobs in der baltischen Republik Lettland übernommen. Er soll die Ende vergangenen Jahres in akute Zahlungsschwierigkeiten geratene und daraufhin verstaatlichte Parex Bank retten. Ja mehr noch, er soll den Finanzkonzern wieder auf Wachstumskurs bringen.

"Eine interessante Herausforderung" nennt er das und hofft, dass die Übernahme der Bank durch den lettischen Staat den rund 400 000 Kunden unter anderem in Lettland, Litauen, Deutschland, Schweden und der Ukraine neues Vertrauen geben wird.

Nach Jahren mit zum Teil zweistelligen Wachstumsraten, bis zu 30-prozentigen Lohnerhöhungen, einem völlig überhitzten Immobilienmarkt und hohen Kreditverlusten für alle Banken brach die Wirtschaft infolge der globalen Finanzkrise zusammen. Jetzt warten auf die 2,3 Millionen Letten Lohnkürzungen und Mehrwertsteuererhöhungen. Inzwischen gehen die Menschen aus Protest dagegen auf die Straße und fordern die Ablösung der Regierung.

Auch der Parex Bank und ihren 2 500 Mitarbeitern stehen harte Sanierungsmaßnahmen bevor. Aber Melngailis ist optimistisch: die Lage der Bank sei jetzt viel stabiler, nachdem Internationaler Währungsfonds (IWF) und EU ein 7,5-Milliarden Euro-Rettungspaket für Lettland geschnürt hätten.

Der in den USA geborene Manager ist ein Machertyp mit hochgerollten Hemdsärmeln, der schon manche Krise gemeistert hat. Zum Beispiel als Chef des größten lettischen Telekom-Konzerns Lattelecom. Während dessen Privatisierung hat Melngailis einigen politischen Stürmen standhalten müssen. Verglichen mit der neuen Aufgabe waren das jedoch nur laue Lüftchen.

Denn die Parex Bank traf die Krise mit ungeahnter Wucht. Die Finanzkrise macht zwar allen Banken zu schaffen, doch die Parex Bank hatte im Unterschied zu den anderen Großbanken im Baltikum keine ausländischen Eigner, die im Notfall Kapitalspritzen geben konnten. Als die ersten Nachrichten über Probleme bei Parex um den Globus liefen, machten deshalb viele Kunden ihre Konten dicht. Doch dieser Geldabzug sei nun gestoppt, sagt Melngailis - nicht zuletzt weil der Staat für Guthaben garantiert. Auch für die der rund 7 000 Deutschen.

Melngailis ist sicher, dass er und die Bank es schaffen werden - zumindest kurzfristig und mit Galgenhumor. Wo das Institut in drei Jahren stehen soll? Nein, darüber will er keine Prognose wagen. "Mir wäre schon wohler, wenn ich wüsste, wie es in drei Tagen aussieht", sagt er. Mittelfristig sucht der neue Parex-Chef nach Investoren für sein Institut - unter anderem in Deutschland.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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