Ludwig Siep ist Professor für Philosophie an der Universität Münster
Siep: Kein Freiraum jenseits der Grenzen von Moral und Recht

Ludwig Siep, Professor für Philosophie an der Universität Münster, hält nicht nur eine Auseinandersetzung mit Grundfragen der Wirtschaftsethik während des Studiums für sinnvoll. Er spricht sich auch für die Entwicklung eines „Standesethos“ sowie einer Sanktionsinstanz aus.

Der Idee einer Verpflichtung zukünftiger Manager auf Grundsätze verantwortlichen Handelns kann ich nur zustimmen. Nicht nur ärztliches Handeln hat große Auswirkungen auf das Wohl und Wehe der Menschen. Heute hat das Verhalten von Managern existenzielle Konsequenzen bei einer großen Zahle betroffener Menschen.

Dabei begünstigen die Anonymität von Großunternehmen und die Schärfe des globalen Wettbewerbs den Vorteilskalkül um jeden Preis. Ähnliche Auswirkungen hat die moderne Organisationsstruktur übrigens auch in der Wissenschaft. Den zunehmenden Betrugsfällen ist die Selbstorganisation der deutschen Wissenschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Union der Akademien der Wissenschaften mit einem Kanon guten wissenschaftlichen Verhaltens entgegengetreten. Dieser wird auch sanktioniert durch Entzug der Finanzierung bzw. der Stellen. Die meisten Universitäten sind diesem Verfahren beigetreten und haben auch Ethik-Räte aus angesehenen, meist älteren Forschern gebildet.

Wichtig scheint mir für die zukünftigen Manager dreierlei: Erstens, eine Auseinandersetzung mit Grundfragen der Wirtschaftsethik (ein Teilgebiet der Angewandten Ethik) während des Studiums; zweitens die Entwicklung eines „Standesethos“ wie bei Ärzten, Wissenschaftlern, Anwälten etc.; drittens, eine Art Kammer oder Sanktionsinstanz, die beratend und korrigierend eingreifen kann. Die Idee einer solchen „ethischen Selbstverwaltung“ entspricht doch eigentlich der Idee der freien Wirtschaft. Es muss ja nicht immer gleich die staatliche Justiz eingreifen. Einen Freiraum für gewinnmaximierendes Verhalten jenseits der Grenzen von Moral und Recht gibt es aber auch in der Wirtschaft nicht.

Ob ein Eid für diese Ziele das richtige Mittel ist, kann man sicher diskutieren. Traditionell hat er eine moralische, oft auch religiöse Bedeutung, die man nicht durch allzu häufigen Gebrauch „verwässern“ sollte. Es gibt sicher auch andere Formen der Verpflichtung oder der Weckung des Bewusstseins einer „Standesverantwortung“ – etwa die Unterschrift unter eine Formel bei der Entgegennahme des Abschlusszeugnisses. Die vier Verpflichtungen, die bei dem Treffen in Genf formuliert wurden, erscheinen mir aus der Sicht des Ethikers völlig angemessen und wichtig.

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