Magna
Frank Stronach: König der Schrauber

Der Werkzeugmacher Frank Stronach hat aus einem Ein-Mann-Unternehmen einen Weltkonzern gemacht: Den Automobilzulieferer Magna. Jetzt will der Milliardär Opel retten. Oder nur ausnutzen? Ein Porträt.

WIEN. Mit 76 Jahren muss man keine großen Träume mehr haben. Man kann sich zurücklehnen und sein Leben Revue passieren lassen. Frank Stronach hätte allen Anlass dazu, mit sich und der Welt zufrieden zu sein.

In den 50er-Jahren ist der gebürtige Steirer – damals hieß er noch Franz Strohsack – nach Kanada ausgewandert. Im Gepäck hatte der gelernte Werkzeugmacher vor allem Ideen. Damit hat er es weit gebracht. Aus einer Ein-Mann-Firma formte er einen Weltkonzern: den Automobilzulieferer Magna – mit weltweit 70000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt knapp 25 Milliarden US-Dollar.

Jetzt könnte sich Stronach einen Altersruhesitz im sonnigen Florida kaufen oder im Winter viel Zeit mit Skilaufen in Colorado verbringen, wie er einmal in einem Interview beschrieb. Alles kein Problem bei einem geschätzten Privatvermögen von 1,5 Milliarden Dollar. Aber genau das macht der Magna-Gründer nicht. „Ich will jetzt helfen“, sagt er und begründet damit sein geplantes Engagement beim angeschlagenen deutschen Automobilhersteller Opel.

Magna ist einer von drei Bietern, die Opel übernehmen wollen. Alle drei haben der Bundesregierung vergangene Woche ihre Konzepte zur Rettung der GM-Tochter vorgelegt.

Bei Frank Stronach ist nicht pures Samaritertum im Spiel, wenn er davon spricht, Opel zu helfen. Der Magna-Chef hat handfeste eigene wirtschaftliche Interessen. Opel ist ein wichtiger Baustein innerhalb der europäischen Automobilindustrie. Eine Pleite der Rüsselsheimer könnte das sorgsam austarierte Gleichgewicht zwischen Autoherstellern und Zulieferern in Europa aus der Balance bringen. Und daran kann Magna, der weltweit drittgrößte Automobilzulieferer, überhaupt kein Interesse haben.

Frank Stronach hat aber auch persönliche Vorlieben und Vorstellungen, die seinen Vorstoß in Richtung Opel begründen. Es ist eine gehörige Portion Eitelkeit und Sendungsbewusstsein dabei, wenn der Austro-Kanadier in seinem Alter diesen durchaus waghalsigen Schritt versucht. Stronach steht für den amerikanischen Traum. Er steht für den Tellerwäscher, der den Aufstieg zum Milliardär geschafft hat. Er ist überzeugt davon, dass er Opel retten kann. Wer ein Unternehmen wie Magna aufbaut, der kann auch die Probleme in Rüsselsheim lösen.

Stronach will es allen noch einmal zeigen. In der Autobranche zählen an erster Stelle nur die großen Herstellernamen. BMW, Mercedes, GM – das sind alles weltweit bekannte Marken. Aber wer kennt schon Magna? Hätte das Angebot für Opel Erfolg, würde Stronach in die Riege der Automobilhersteller aufsteigen. „Darin sieht Stronach seine eigene Mission“, sagt James Gillette vom amerikanischen Auto-Beratungsunternehmen CSM Worldwide. Schon seit den späten 90er-Jahren habe Stronach systematisch damit begonnen, aus dem klassischen Zulieferer Magna einen Autohersteller zu machen.

In seinen österreichischen Werken fertigt der Konzern bereits komplette Fahrzeuge im Auftrag von BMW oder Chrysler. Früh hat Stronach erkannt, dass die großen Autokonzerne die Produktion ihrer vielen Sondermodelle kaum noch selbst bewältigen können. Jede Cabrio-, jede Geländewagenversion erfordert zusätzliche Kapazitäten, um auch in Spitzenlastzeiten liefern zu können. Diese Investitionen hat Stronach einigen Markenherstellern abgenommen. Kämen jetzt noch die Opel-Fabriken dazu, könnte er in deutlich größerem Stil in die Autofertigung einsteigen.

Opel ist nicht der erste Versuch von Stronach, sich einen Hersteller einzuverleiben. Vor zwei Jahren hat er versuch, bei Chrysler einzusteigen – allerdings vergeblich. Was damals nicht geklappt hat, soll nun bitte schön bei Opel funktionieren.

Frank Stronach, der Selfmademann aus der Steiermark, dessen Englisch auch nach 50 Jahren in Kanada immer noch ziemlich hölzern klingt, hat bei Opel möglicherweise nicht die schlechtesten Karten. GM, der Noch-Eigentümer von Opel, kennt den Austro-Kanadier. Stronachs Konzern zählt in Nordamerika zu den wichtigsten Zulieferern von GM.

In Berlin gilt Magna mit seinem russischen Partner Sberbank als Favorit – auch wenn einige Politiker betonen, das Magna-Konzept lasse noch einige Fragen offen. Die Bundesregierung entscheidet über die Zukunft von Opel mit, da sie mit Milliardenbürgerschaften einspringen soll.

Ein Einstieg von Magna findet auch bei Opel in Rüsselsheim seine Befürworter, wo Stronach ebenfalls ein alter Bekannter ist. Denn die europäischen Magna-Werke beliefern auch den deutschen GM-Ableger.

Frank Stronach steht für Ehrlichkeit, Direktheit und Offenheit. Auch als Milliardär hat er sich viel von seiner steirischen Bodenständigkeit bewahrt. „Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie und vergesse meine Herkunft nicht“, sagt er über sich. Deshalb nimmt die Opel-Belegschaft ihm ab, dass er mit seinem Konzept, mit Opel den russischen Markt zu erobern, möglichst viele Arbeitsplätze erhalten will.

Trotz seines Wechsels nach Kanada hat Stronach seine Bindungen nach Europa und vor allem nach Österreich nie gekappt. Allein in seiner alten Heimat zählt Magna mehr als 10000 Beschäftigte, in ganz Europa sind es etwa 30000.

Gelingt der Einstieg bei Opel, würde Stronach wahrscheinlich künftig häufiger in Europa sein. Was nicht das Schlechteste sein muss für einen, der gerne Ski fährt: Auch die Steiermark hat ordentliche Skigebiete.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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