Mammutprojekt
Eine Identitätsnummer für jeden Inder

Der Gründer und ehemalige Vorstandschef des IT-Dienstleisters Infosys Nandan Nilekani hat mit dem größten Projekt seiner bisherigen Karriere begonenn: Im Auftrag der indischen Regierung soll der Datenspezialist Millionen Indern eine nachweisbare Identität geben.
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NEU DELHI. Gute Freunde haben ihn gewarnt. Der Job sei verrückt, er solle bloß die Finger davonlassen, rieten sie. Doch Nandan Nilekani ist nicht der Typ, auf den Bedenken Eindruck machen. Nicht er, der erfolgsverwöhnte Unternehmerstar. Der Guru des indischen IT-Wunders, Mitbegründer und bis vor kurzem Vorstandschef des legendären Outsourcing-Dienstleisters Infosys. Die Lust auf das Risiko treibe ihn an, bekennt Nilekani auf die Frage, warum er auf dem Höhepunkt seiner Karriere noch einmal von vorn anfängt. Warum er sich Indiens womöglich schwierigstes Projekt aufhalst. Im Auftrag der Regierung soll er dafür sorgen, dass alle seine 1,1 Milliarden Landsleute eine unverwechselbare Identität bekommen.

Es ist eine Mission aus der Not. Indien, der Subkontinent auf dem Weg zur Wirtschaftsgroßmacht, schickt zwar Raketen zum Mond und verwaltet akribisch die Kundendaten der weltgrößten Banken und Versicherungskonzerne. Aber Hunderte Millionen seiner eigenen Bürger haben keine Ausweispapiere. Sie müssen sich mit Handy- und Stromrechnungen behelfen.

Oft freilich fehlt ihnen selbst das, und die Folgen für die Namenlosen sind verheerend. Sie können kein Konto eröffnen, sie bekommen weder Hilfen aus den staatlichen Wohlfahrtsprogrammen noch einen Job. "Sie sind aus der Gesellschaft ausgeschlossen", sagt der 54-jährige Nilekani, und seine Stimme verrät Zorn über dieses Versagen des Staates.

Premier Manmohan Singh höchstpersönlich hat ihn gebeten, eine Lösung für Indiens Identitätsproblem zu finden. Denn wenn einer etwas von Datenmanagement versteht, dann Nilekani. "Es war für mich eine Pflicht, die angebotene Aufgabe anzunehmen", sagt der Gerufene artig.

Er ist jetzt Vorsitzender der "Persönlichen Identifizierungsdirektion" im Rang eines Ministers. Sein Büro befindet sich nicht mehr in der IT-Metropole Bangalore, sondern an der Parliament Street in Neu-Delhis Regierungsviertel. Wer Nilekani dort besucht, versteht sofort, warum die besten unter Indiens smarter Jugend in die Privatwirtschaft und nicht in den Staatsdienst gehen. Tristes Neonlicht füllt den Raum, der Schreibtisch ist abgestoßen. Bei Infosys würden sie so nicht einmal einen Unterabteilungsleiter einquartieren.

Nilekani sagt, ihn störe das nicht. "Der neue Job ist eine Rückkehr zu meinen Wurzeln", erzählt er und sein breites Gesicht zeigt ein zufriedenes Grinsen. "Ich leite ein Start-up." Nur diesmal eben in Regierungsdiensten.

Er müsste nicht hier sitzen. Er könnte durch die Welt reisen und gut bezahlte Vorträge halten. Dass er es trotzdem tut, liegt auch an einem Buch, das er vor einigen Monaten veröffentlicht hat. Es handelt von den Hemmnissen, die Indien überwinden muss, wenn es Welt-macht werden will. Einer von Nilekanis Lösungsvorschlägen war die "nationale Identitätsnummer", damit die Behörden endlich effektiv arbeiten und die Menschen gegen-über dem Staat ihre Rechte einfordern können. Das Buch wurde ein Bestseller. Jetzt sollen den Worten Taten folgen. "Ich will meinem Land etwas von dem zurückgeben, das es mir gegeben hat", sagt Nilekani. Als Unternehmer wurde er Milliardär. In seinem neuen Job muss er zeigen, dass er auch im Dschungel der indischen Regierungsbürokratie bestehen kann.

Erfolg und Scheitern stünden fünfzig zu fünfzig, bekennt der Mann mit dem buschigen, schwarzen Haar. Sein Zeitplan sieht vor, dass in 18 Monaten die ersten Identitätsnummern vergeben werden. In fünf Jahren sollen es mehr als eine halbe Milliarde sein. Name, Geburtsdatum, Eltern, Adresse, ein Foto und der Fingerabdruck werden erfasst. Die Datenbank soll das gesamte Riesenland vernetzen, 41 Millionenstädte und mehr als 200 000 Dörfer. Auch Privatunternehmen wie Banken und Mobilfunkanbieter dürfen die Daten nutzen.

Das Projekt sei eine größere Herausforderung als der Aufbau von Infosys, sagt Nilekani. Er habe keine Zeit mehr für Auslandsreisen. Nur für die Tochter, die demnächst ihren Abschluss an der US-Eliteuniversität Yale feiert, will er eine Ausnahme machen. Dann wird er sich wieder um sein Start-up kümmern.

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