Management
Schiffbruch durch Fehlurteile

Unter dem Druck, Ergebnisse zu bringen, müssen Manager in immer schnellerer Abfolge Entscheidungen treffen – ohne deren Tragweite in allen Konsequenzen überschauen zu können. Kleine, später aber immerns wichtige Details werden übersehen.

DÜSSELDORF. "Eisberg voraus!" riefen die Matrosen im Ausguck. 37 Sekunden später kollidierte der Luxusliner mit dem Treibeis. Zweieinhalb Stunden danach war vom der Titanic nichts mehr zu sehen. 1500 Menschen waren tot. Das Resultat einer Kette von Fehlentscheidungen: Der erfahrene Kapitän John Edward Smith war mit Volldampf gefahren – im Glauben, in der klaren Nacht Eisberge rechtzeitig zu erkennen. Ein fataler Irrtum: Der Neumond spendete zu wenig Licht, wegen absoluter Windstille waren Eisberge auch nicht am Wellengang zu erkennen – zudem lag das Eisfeld viel weiter südlich als je zuvor beobachtet. Fazit: Smith hatte schlicht die Komplexität seiner Entscheidung unterschätzt.

"Vor einem ähnlichen Problem stehen heute die Manager von Unternehmen", urteilt Daniel Pinnow, Geschäftsführer der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Überlingen. "Unter dem Druck, Ergebnisse zu bringen, müssen sie in immer schnellerer Abfolge Entscheidungen treffen – ohne deren Tragweite in allen Konsequenzen überschauen zu können."

Die Liste der folgenreichen Fehlentscheidungen von Managern ist lang: So verschätzte sich der damalige BMW-Chef Bernd Pieschetsrieder mit dem Kauf des britischen Autobauers Rover. Dessen Schulden fraßen die BMW-Gewinne auf – am Ende stand ein Verlust von fast fünf Milliarden Euro. Nicht viel anders erging es Daimler-Chrysler-Manager Jürgen Schrempp. Weil er sich Milliarden-Einsparungen durch Synergieeffekte versprach, stieg er beim Flugzeughersteller Fokker und Autokonzern Mitsubishi ein. Beide erwiesen sich als Sanierungsfälle und bescherten den Schwaben einen Verlust von 6,5 Milliarden Euro. Rainer Hecker, Chef des TV-Geräte-Herstellers Loewe verschlief den Trend zu Flachbildschirmen. Der Umsatz brach ein und brachte Loewe an den Rand des Konkurses.

Viele Manager unterschätzen schlichtweg, wie schwierig es ist, komplexe Entscheidungen zu fällen: "Mir fällt es leicht, Entscheidungen zu treffen", davon sind 78 Prozent von 560 deutschen Managern überzeugt, die von der Überlinger Akademie befragt wurden. Und 88 Prozent meinen sogar, dass ihnen immer die nötigen Informationen zur Verfügung stünden.

Eva Christiane Wetterer, Karrierecoach aus Hamburg, hegt Zweifel, ob diese positive Selbsteinschätzung der Wirklichkeit entspricht. "Je angespannter die Wirtschaftslage, desto mehr wird der Mythos vom entscheidungsstarken Manager hochstilisiert. Gleichzeitig aber sinkt die Fehlertoleranz in den Firmen", so Wetter. Die Folge: 58 Prozent der Mitarbeiter aller Hierarchiestufen haben laut Umfragen heute Angst davor, Fehler zu machen.

Ein Grund dafür: Das Koordinatensystem, das Entscheidern hilft, sich zu orientieren, ist ständigen Veränderungen unterworfen. Wie der Titanic-Kapitän vom gigantischen Eisfeld völlig überrascht wurde, so müssen Manager damit rechnen, dass sich ihr Weltbild von heute auf morgen auf den Kopf stellt. Wer hätte vor wenigen Jahren schon geglaubt, dass Chinesen in der Lage sind, Autos nach Europa zu liefern? Wer hätte gedacht, dass Manager für mangelhafte Ad-Hoc-Meldungen in Haft kommen können?

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